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… mach ich bei meiner Mama auf. Sie ist 90 und hat noch ihren eigenen Kopf, nur ist es in dem immer schwerer bestimmte Inhalte abzurufen. Dieser Tage philosophiert sie vor allem über das Brot: Unerhört, dass da so viele Löcher drin sind, und so große Löcher. – Es erreicht sie kaum, wenn ich ihr erkläre, dass Hefe oder Sauerteig für die Löcher im Brot verantwortlich sind. Und dass der Bäcker extra Hefe oder Sauerteig verwendet, damit das Brot – dank der Löcher – schön locker wird. Täte er das nicht, wäre das Brot ein unkaubarer, ungenießbarer Klotz.

Theologisch bedeutet das, nein, das lass ich jetzt lieber. Es reicht, dass ich von Mama was gelernt habe. Ohne sie hätte ich nicht darüber nachgedacht.


Lass doch nicht Zank sein

Abram sprach zu Lot: Lass doch nicht Zank sein zwischen mir und dir
und zwischen meinen und deinen Hirten; denn wir sind Brüder. 1.Mose 13,8

Gerade hat Nr. 45 verkündet, dass er den einseitigen Anspruch des Staates Israel auf Jerusalem als seine „ewige und unteilbare Hauptstadt“ anerkennt und damit wohl den Anspruch der Palästinenser auf Ostjerusalem als ihre Hauptstadt negiert.

Erstaunt lese ich die Losung des Sonntags. Sie, bzw. die Geschichte die Landteilungsgeschichte dahinter, bietet in einem Ausspruch Abra(ha)ms, Stammvater der Juden und Muslime, einen Lösungsweg. Als der ältere und überlegenere bietet er ihn seinem Neffen an. Unsere Hirten streiten um das Weideland? Schau dir das Land an und wähle. Gehst du nach links, geh ich nach rechts. Gehst du nach rechts, geh ich nach links. Lot wählte die saftigeren Weiden und Abram ging in die andere Richtung. Er ging auf dem Weg Gottes, dem Weg des Friedens.

Wer hat heute den Mut und das Gottvertrauen zu solcher Lösung? Was sagt die Schrift? Werden Rosse und Wagen, Panzer, „Jagd“flugzeuge und Raketen der Stadt Jerusalem und dem Land Israel Sicherheit und Frieden bringen?

Und wer ist Nr. 45? Hier nachlesen.


Hoffnungsträger Söder

Laut Süddeutscher Zeitung, 5.12.17, S.3, gab es 2007 schon eine Meldung: „Söder fordert Verbot für Verbrennungsmotoren ab 2020.“ Da war er seiner Zeit weit voraus. Oder nahm er sich als Mitglied einer christlichen Partei etwa das Motto zu Herzen: „Sei flexibel, sagt die Bibel.“

 


Martin Luther, Thomas Münzer oder die Gründung einer neuen Gemeinschaft

Derzeit läuft in Augsburg in einer sehr gelungenen Aufführung das provokative Stück von Dieter Forte, Martin Luther, Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung am Augsburger Theater. Angesichts all der Überhöhung Luthers als Freiheitsheld und Heros des Glaubens während des Reformationsjubiäums scheint mir Fortes 1971 erschienenes Stück auch heute noch provokant. Wenn es nicht gleich als Agitprop Theater abgetan wird.

Vor allem im ersten Teil geht es recht slapstickhaft zu und bald wird die Grundthese deutlich, die Reformation habe vor allem mit Geld und Kapitalakkumulation zu tun und auch rein gar nichts mit Glauben. Bei keinem der handelnden oder getriebenen Personen findet sich persönlicher Glaube. Luther ist nicht viel mehr als ein Werkzeug in der Hand seines Fürsten Friedrich und dessen Sekretär Spalatin. Der eigentliche Held ist Jakob Fugger und dessen Kapital.

Der zweite Teil ist ein Abgesang auf den erfolglosen Versuch der Bauernbewegung, die Macht des Feudalismus und beginnenden Kapitalismus zu brechen. Dabei kürzt die Inszenierung notgedrungen, sonst würde das Stück an die 8 Stunden dauern. Gestrichen bzw. auf Kernsätze reduziert werden die seitenlangen Zitate u.a. aus Schriften Luthers und Müntzers.  Im zweiten Teil findet sich – in der Augsburger Aufführung gestrichen – eine kleine Szene, die als einzige etwas wie Hoffnung in die trostlose Landschaft hemmungsloser kapitalistischer Ausbeutung und vergeblicher revolutionärer Auflehnung bringt und einen anderen Weg aufzeigt. Und dazu taucht Hans Hut auf:

Münzer: Unsere Sache ist dem schönen roten Weizen gleich. Wenn er in der Erde steckt, so scheint es nicht anders, als ob er nie mehr aufgehen würde. Aber er wird aufgehen. Die Oberen werden gestürzt, ihr Geschrei hilft ihnen gar nichts. …

2. Genosse: Denkt doch jeder nur an sich.

Münzer: Aber warum ist das so? Warum? Wir müssen Arbeiter, Bürger und Bauern zusammenbringen. Es geht nicht einzeln. Sie müssen begreifen: Ihr Schade ist unser aller Schade. Ihre Forderung ist unsere Forderung. Es gibt keinen anderen Weg, dieser Menscheit zu helfen, als daß wir mit ganzem Ernst, mit ausdauernder Nüchternheit die Entfremdung dieser Welt zeigen.

Hut: Ich werde eine neue Gemeinschaft gründen. Einige Leute, die zusamenleben wollen und die sich wieder mit anderen zusammenschließen. Die Ehe kann bleiben, aber die Kinder werden gemeinsam erzogen. Jeder bekommt, was er braucht. Gütergemeinschaft. Eine gemeinschaftliche Küche, Schule, Krankenhaus. Wir werden gemeinsam arbeiten und gemeinsam einkaufen, und wir werden jeden Kriegsdienst verweigern. Denn jeder Krieg ist Sünde.

Münzer: Hut, du bist ein lieber Mensch, aber jetzt geht es darum, die Voraussetzungen zu schaffen.

Hut: Ich werde eine neue Gemeinschaft gründen.

Münzer: Wenn wir durch sind, könnt ihr euch organisieren, wie ihr wollt. Jetzt brauchen wir Kernzellen in allen Städten und Ländern.

3. Genosse: Das werden die Herren auch gerade zulassen.

Münzer: Es ist die Zeit der Bewährung. Habt ihr nur eure Güter lieb? Fürchtet ihr das Leben? Wer ein Stein des neuen Hauses sein will, der wage seinen Hals. Ich kümmere mich um die Bergarbeiter. Wir brauchen die Massen. Und ihr?

1. Genosse: Franken.

2. Genosse: Schwaben.

3. Genosse: Württemberg.

Hut: Ich will eine neue Gemeinschaft gründen.

Pfeiffer: Ich sehe uns alle schon hängen. Und die Massen werden Eintritt zahlen, um dabei zu sein.

Münzer: Am Volk zweifel ich nicht.

Hut wird nicht ernst genommen. Münzer nennt ihn einen „lieben Menschen“. Doch Huts Vorschlag wird später in der Täuferbewegung verwirklicht. Er hat großen Anteil daran, dass die neue Gemeinschaft entsteht, die heute schon die zukünftige revolutionäre Welt Gottes lebt. Die u.a. von Hut gegründete neue Gemeinschaft existiert bis heute in den Gemeinschaften der Hutterer, der Mennoniten, der Amischen, der später entstandenen Quäker, der Brethren u.a

Dieter Forte, Martin Luther, Thomas Münzer oder die Einführung der Buchhaltung, Wagenbach, Berlin 1971. Fischer Taschenbuch 7065, 1981, 5. Auflage: März 2009.


6.12.1528 Todestag von Hans Hut

Augsburg, Nikolaustag, 6.12.2016, 18 Uhr. Bei nasskaltem Wetter versammeln sich ein Dutzend Leute auf dem Elias-Holl-Platz, hinterm Rathaus. Früher stand hier das „Eisenhaus“ (Stadtgefängnis). Hier kam Hans Hut, Prediger und Sendbote der Täufer, am 6.12.1527 ums Leben. Die apostolische Zahl von zwölf Anwesenden bei der heutigen Feier kommt aus einer Vielfalt von Denominationen: Katholiken, Adventisten, Mennoniten, Freie evangelische Gemeinde, Lutheraner. Auch die Augsburger Allgemeine ist vertreten und hatte schon eine ordentliche und keineswegs kurze Ankündigung gebracht. Mit schön gruseliger Überschrift: „Der Mann, dessen Leiche zum Tod verurteilt wurde“.

Wolfgang Krauß sprach über Leben und Zeugnis Hans Huts, ohne dessen Irrwege und eschatologisch geprägte Phantasien über die Wiederkunft Christi um Pfingsten 1528 zu verschweigen. Er war ein Nachfolger Jesu, der hungerte und dürstete nach Gerechtigkeit. Nach dem Scheitern der Demokratie- und Freiheitsbewegung der Bauern, fand er neue Hoffnung bei den Täufern. Von Hans Denck 1526 in Augsburg getauft, war er ab dann rastlos unterwegs, predigte und taufte. Ohne ihn gäbe es heute wohl nur halb so viele Mennoniten und Hutterer. – Zur Flötenbegleitung von Claudia Behr wurden alle zwölf Strophen des schönen Lieds von Hans Hut gesungen. O allmächtger Herr und Gott“, da ist (im 16. Jahrhundert!) schon von Schöpfungsbewahrung die Rede

Am Schluss die Seligpreisungen aus Jesu Bergpredigt, das gemeinsam gesprochene Vater Unser und der Segen des Friedens Christi. Das war eindrücklich. Zwei Jugendcliquen trafen sich auch auf dem Platz, ließen sich aber leider nicht einladen.

Der Täuferprediger Hans Hut stirbt im Gefängnis

Hans Hut 1490 – Augsburg 6.12.1527

Der Täuferprediger Hans Hut stirbt im Gefängnis. Todesursache Rauchvergiftung nach einem rätselhaften Brand in seiner Zelle. Aus den städtischen Quellen erfahren wir, er habe den Brand selbst gelegt, um im Durcheinander der Löscharbeiten fliehen zu können. Ein täuferisches Geschichtsbuch berichtet, er sei bei strengem Verhör gefoltert und bewusstlos wieder in den Turm gelegt worden. Dort sei dann eine Kerze ins Stroh gestellt worden. – In einer makabren Gerichtsverhandlung wird über seiner Leiche das Todesurteil gesprochen. Am 7.12.1527 wird das Urteil auf dem Scheiterhaufen an seinem Leichnam vollstreckt.

Aus dem Gemeindebrief der Mennonitengemeinde Augsburg, Dez 2016 / Jan 2017


Der heilige Nikolaus lebte in Myra,

heute Türkei.

Er setzte sich ein für Menschen in Not und für Gerechtigkeit.

So überschrieb ich vor Jahren ein Blatt, das wir Anfang Dezember beim türkischen Gemüsehändler in der Nachbarschaf auslegten. Er hatte einen „Nikolaus“ engagiert und wollte dafür Werbung machen, dass er am Nikolaustag kommen und die Kunden, vor allem die Kinder, beschenken würde. Das Blatt wies auf eine der vielen heutzutage wenig überlieferten Episoden aus der Nikolauslegende hin. Schade, dass dieser Heilige durch die kapitalistische und konsumistische Vereinnahmung  fast völlig seine Konturen verloren hat. Hier der Text des damaligen Flugblattes, die Überlieferungslage ist allerdings noch etwas komplizierter als sich darauf darstellen ließ, so scheint die Nikolausfigur aus Verstücken mehrerer Heiliger zusammengesetzt zu sein.

Der heilige Nikolaus …

Geboren in Patra wurde Nikolaus um 300 Bischof von Myra, heute Demre, Türkei. Während einer Christenverfolgung wurde er um 310 gefangen genommen und gefol-tert. 325 nahm er am 1. Konzil von Nicäa teil. 200 Jahre nach seinem Tod verbereite sich seine Verehrung von Griechenland aus. Der Name Nikolaus setzt sich aus zwei griechischen Worten zusammen: nicos: Sieg, laos: Volk, also Sieg des Volkes. – Verbreitete Legenden über Nikolaus erzählen: In einer verarmten Familie verhinderte er durch Geldgeschenke, die er heimlich durchs Fenster warf, dass der Vater seine drei Töchter an Männer verkaufte. – Bei einer Hungersnot in Myra erbat Nikolaus von jedem der für den Kaiser in Rom bestimmten Schiffe im Hafen 100 Maß Weizen und versicherte, dass durch sein Gebet nichts bei der Ablieferung fehlen werde. So wurde die Hungersnot abgewendet. – Dieser Tage, wo wir Nachrichten über Krieg und Geiselnahmen im Irak hören, ist eine Geschichte aktuell, die davon erzählt, wie Nikolaus sein eigenes Leben für andere einsetzt:

… und der ungerechte Stadthalter

Einst hatte der Stadthalter von Myra Bestechungsgelder angenommen und befohlen, drei Bürger der Stadt durch das Schwert töten zu lassen. Bischof Nikolaus wurde von einer Reise eilig zurückgerufen, um den ungerecht Verurteilten zu helfen. Doch diese waren bereits auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte. Schnell lief der Bischof hin. Der Scharfrichter hielt sein Schwert schon in der Hand. Nikolaus sprang zu ihm hinauf, entriss ihm das Schwert und schleuderte es weit fort. Ich bin bereit, an Stelle der Unschuldigen zu sterben, rief er. Keiner wagte es, ihm entgegen zu treten. Er befreite die Gefangenen und brachte sie in die Stadt zurück.
Nun eilte der Bischof zum Stadthalter und pochte an dessen Tor. Dieser kam heraus und begrüßte ihn mit einem Kniefall. Doch Nikolaus sagte wütend: „Obwohl du Unschuldige töten lässt, kommst du mir unter die Augen! Ich werde deine Verbrechen dem Kaiser melden!
Da flehte der Stadthalter den Bischof an: „Nicht ich bin schuldig, sondern meine Beamten, die eine falsche Anklage erhoben haben.“
Doch Nikolaus erwiderte: „Nichts davon! Zweihundert Goldpfund hast du angenommen, um dafür diese drei Männer gemein zu beseitigen. Und er brachte den Stadthalter dazu, seine Schuld einzugestehen und das Recht wiederherzustellen.“


Michael Stipe …

…. spricht den Namen des gegenwärtigen US-Präsidenten nicht aus. Er nennt den 45. Präsidenten der USA nur noch Nummer 45, sagte der ehemalige R.E.M-Sänger der Welt am Sonntag. Jedes Mal, wenn man den Namen nenne, werde derjenige, dessen Namen er nicht nenne, größer und größer. „Wir müssen es schaffen, von ihm wegzuschauen“, sagte Stipe.


Friedensdenkmal

Gestern war ich nach dem Einführungsgottesdienst der neuen Pastorin der Mennonitegemeinde Weierhof noch auf dem dortigen Friedhof. Dort gibt es seit dem 12.11.17 ein Friedensdenkmal. Es besteht aus drei Grabsteinen, deren Inschriften schon arg verwittert waren. Sie sind um einen Baum gestellt und tragen auf Metallplatten neue Inschriften: Den Opfern aller Kriege – O Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens – und ein längeres Zitat von Menno Simons, hier auf dem Foto zu sehen:

Ein Friedensdenkmal ist sicher eine gute Sache. Seit 72 Jahren leben wir ja nun in Frieden hierzulande. Zwar gab es einen „kalten Krieg“, mit der Androhung totaler Vernichtung von beiden Seiten – ein paar US-Atomwaffen liegen zur Sicherheit noch in deutschen Landen. Zuvor waren Mennoniten in zwei Weltkriege gezogen. Ein Kontext, den das neue Friedensdenkmal nicht reflektiert, der mit den Gedenktafeln an die Gefallenen der Weltkriege zuerst aus der Kirche in die kleine überdachte Friedhofsecke „die Lehr“ verdrängt und nun von dort ins Archiv ausgelagert wurde. Auf den Tafeln werden die Opfer genannt, zumindest soweit es junge Männer waren. Junge Männer, die von ihrer Gemeinde wohl wenig erfahren hatten von den christlich-pazifistischen Überzeugungen eines Menno Simons, die nun auf dem Friedensdenkmal zitiert werden. – 100 Jahre vor der Einweihung des Weierhöfer Friedensdenkmals starb das 22jährige Weierhöfer Gemeindeglied Ernst Wohlgemuth aus Albisheim im 1. Weltkrieg. Sein Name und seine Lebensdaten waren auf einer der Gefallenentafeln vermerkt. Ein konkretes Datum des Erinnerns, der Besinnung? Die Schatten der Gefallenentafeln sind noch zu sehen in „der Lehr“, dem ersten Versammlungshaus der Gemeinde aus dem 17. Jahrhundert. Was wurde und wird gelehrt in mennonitischer Gemeinde? Welche Lehren ziehen wir aus historischem Versagen? Wo drohen wir heute zu versagen?

Die Schatten der mennonitischen Geschichte sind im neuen Friedensdenkmal nicht zu sehen. Es mag schwierig sein, ein Denkmal zu gestalten, das diese Schatten integriert. Aber was bringt ein ahistorisches Erinnern „allen Opfern aller Kriege“?

 


Jetzt ist es amtlich

Im „Heimatkalender“, gerade dem Amtsblatt der Verbandsgemeinde Göllheim (Pfalz) beigelegt, ist es jetzt quasi amtlich: Der 31. Oktober ist „Reformationstag/Halloween“. Logisch, wenn man die Veranstaltungslandschaft rund um Göllheim vor vier Wochen beobachtete. Trotz Reformationsjubeljahr gab es wesentlich mehr und besser besuchte Halloweenpartys als Reformationsgottesdienste. Dabei sollte doch der Reformationstag als bundesweiter Feiertag gefeiert werden, offiziell und von Staats wegen. Es lebe die Religionsfreiheit!

 


oder: Warum die Debatte um die Herxheimer „Hitlerglocke“ am Wesentlichen vorbei geht

 

Von Christian Morgenstern, 6. 5.1871 – 31.3.1914, ist ein Gedicht mit dem Titel „Die Schwestern“ überliefert.  ein  Streitgespräch von Glocke und Kanone. Ich habe es vor 17 Jahren um einen Vers ergänzt, der darauf aufmerksam macht, dass schon seit es Kanonen gibt, die Kirchenglocken als strategische Metallreserve der Armeen dienen. Im 1.Weltkrieg, den Morgenstern nicht mehr erleben musste, wurden etwa 65.000 deutsche Glocken eingeschmolzen. Im 2.Weltkrieg wohl kaum weniger. Sind die in jedem Kirchturm vorhandenen Glocken nicht ein handgreifliches Symbol für die Symbiose von Kirche und Staat. Mehr als ein Symbol. Das Metall, das im Frieden dem Lob Gottes und dem Ruf zum Gebet dient, ermöglicht im Krieg das Töten der Feinde. Wie sieht es angesichts der heutigen Waffentechnik damit aus? Und würden sich Kirchengemeinden heute weigern, ihre Glocken für Kanonen herzugeben? In bisherigen Kriegen haben es einige wenige getan. Was ist eine wie auch immer geartete einzelne Glockeninschrift gegen diese flächendeckende militärische Funktion der Kirchenglocken? Sollte im Ernstfall gar auch diese Glocke dagegen verteidigt werden, zur Kanone gemacht zu werden?

 

Die Schwestern

Die Kanone sprach zur Glocke:
„Immer locke, immer locke!

Hast dein Reich, wo ich es habe,
hart am Leben, hart am Grabe.

Strebst umsonst, mein Reich zu schmälern,
bist du ehern, bin ich stählern.

Heute sind sie dein und beten,
morgen sind sie mein und – töten.

Klingt mein Ruf auch unwillkommen,
keiner fehlt von deinen Frommen.

Und wenn dem Felde fehlt das Eisen,
wird man dich vom Turme reißen.

Beste, statt uns zu verlästern.
Laß uns einig sein wie Schwestern.

Drauf der Glocke dumpfe Kehle:
„Ausgeburt der Teufelsseele,

wird mich erst der Rechte läuten,
wird es deinen Tod bedeuten.“

Christian Morgenstern
(Str. 6 ergänzt von WK, 3.10.1990)

 


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