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Halt, sollte das Augsburger Kultur- und Szeneprogrammheft wirklich über meine Pendelei von B anch A und zurück berichten?

a-b-kopie

Ach nein, es geht um Augsburgflüchtlinge nach Berlin. Schon Bert Brecht war ja einer - in A geboren über viele Exilstationen nach Deutschland zurückgekehrt, arbeitete, lebte und starb er schließlich in der Hauptstadt des Arbeiter- und Bauernstaates. Ich dagegen bin eher ein Zuwanderer nach A, wenn ich mich auch immer wieder auf den Weg zurück nach B mache


Anfang der Woche konnte ich eines der größten Menschheitsprobleme lösen. Nichts lag mir ferner an diesem Tag, es geschah einfach so quasi im Vorbeigehen. Ich sollte ein vorbestelltes Rezept bei meinem Hausarzt abholen, betrete seine Praxis und stelle mich ans Ende der kurzen Schlange. Nur zwei Frauen vor mir, es wird nicht lange dauern. Bei der ersten geht es auch wirklich sehr schnell. Doch bei der zweiten Frau dauert es. Offensichtlich sucht die Sprechstundenhelferin etwas für sie im Rechner. Immer wieder sprechen sie auf Türkisch miteinander.  Kleine und große und Vokalharmonie - hört sich gut an, auch wenn ich nichts verstehe. allerdings hatte ich nicht vor, den Vormittag in der Praxis zu verbringen. Das Telefon klingelt, die Arzthelferin unterbricht das Gespräch und nimmt den Hörer ab. Es dauert 1 oder 2 Minuten, dann hat sie die gewünschte Auskunft gegeben. Sie legt den Hörer wieder auf, spricht weiter mit der türkischen Mutter, deren Kind langsam quengelig wird. Nach einigen Minuten klingelt erneut das Telefon. Wieder wird das Gespräch unterbrochen und bevorzugt der Mensch am anderen Ende der Leitung bedient. Dann geht das Gespräch auf  Türkisch weiter. Ach hätte ich doch auch ein telefonisches Anliegen, aber ein Rezept lässt sich kaum telefonisch abholen. Mein Blick fällt auf ein Praxisfaltblatt, beim Durchblättern finde ich die Lösung.

Ich hole mein Händi aus der Hosentasche und wähle die Praxisnummer. Gleich klingelt es in zwei Meter Entfernung. - Ja, guten ‘Tag, hier Praxis Soundso. - Ja, hallo, ich wollte eigentlich nur ein Rezept abholen. - Erstaunt dreht die junge Frau sich um zu mir und lächelt mich an. Auch die türkische Mutter lacht, ebenso das kleine Mädchen, dem eben noch so langweilig war. - Ja, kein Problem. - Die Sprechstundenhilfe legt den Hörer auf und sucht mein Rezept raus. Kurz darauf verlasse ich die Praxis und die immer noch lächelnden Menschen. Ich habe ein großes Menschheitsproblem gelöst!

Wer hat nicht schon in Ämtern, Computerläden  und Arztpraxen erlebt, dass er ewig warten musste, während Anrufer sofort bedient wurden und selbstverständlich das laufende Gespräch mit Patienten, Antragstellern und Kunden unterbrochen wurde? Das muss nicht sein. In Zukunft einfach Händi und Telefonnummer mitnehmen!


Margot Käßmann: Nichts ist gut in Afghanistan

Einige Bemerkungen der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann in ihrer Predigt zur neuen Jahreslosung scheinen viele Politiker und Kommentatoren zu provozieren. Vor allem der Vorwurf, sie dürfe nicht für alle evangelischen Christen sprechen, wird oft wiederholt. Da scheint schon Wesen und Absicht einer Predigt falsch verstanden zu werden. Eine Predigt spricht nicht für Christen, sondern zu Christen, die sich dann ggf. über das Gesagte Gedanken machen und eigene Schlüsse ziehen können.

Im Wortlaut lautete der provozierende Absatz der Predigt:

“Nichts ist gut in Afghanistan. All diese Strategien, sie haben uns lange darüber hinweggetäuscht, dass Soldaten nun einmal Waffen benutzen und eben auch Zivilisten getötet werden. Wir brauchen Menschen, die nicht erschrecken vor der Logik des Krieges, sondern ein klares Friedenszeugnis in der Welt abgeben, gegen Gewalt und Krieg aufbegehren und sagen: Die Hoffnung auf Gottes Zukunft gibt mir schon hier und jetzt den Mut von Alternativen zu reden und mich dafür einzusetzen. Manche finden das naiv. Ein Bundeswehroffizier schrieb mir, etwas zynisch, ich meinte wohl, ich könnte mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen. Ich bin nicht naiv. Aber Waffen schaffen offensichtlich auch keinen Frieden in Afghanistan. Wir brauchen mehr Fantasie für den Frieden, für ganz andere Formen, Konflikte zu bewältigen. Das kann manchmal mehr bewirken als alles abgeklärte Einstimmen in den vermeintlich so pragmatischen Ruf zu den Waffen. Vor gut zwanzig Jahren haben viele Menschen die Kerzen und Gebete auch hier in Dresden belächelt.”

Wie aber soll “ein klares Friedenszeugnis” aussehen? In Interviews hatte Käßmann gesagt, auch nach den weitesten Maßstäben der Evangelischen Kirche in Deutschland sei dieser Krieg nicht zu rechtfertigen, deshalb müsse die gewalttätige Auseinandersetzung möglichst rasch beendet werden. (Hannoversche Allgemeine Zeitung). In BILD vom 4.1.09 wurde sie gefragt, was gläubige Soldaten von ihrer Aussage halten sollten, der Krieg in Afghanistan sei durch nichts zu rechtfertigen. Sie verwies auf die Haltung der Kirche, ein solcher Einsatz sei nur zu rechtfertigen, wenn der zivile Teil klar dominiere. Der Vorrang des Zivilen sei aber  beim Bundeswehreinsatz längst infrage gestellt. Und durch mehr Truppen werde er vollends zerstört. Den Vorwurf, sie würde die deutschen Soldaten im Stich lassen,  bezeichnete sie mit Hinweis auf die Soldatenseelsorge als „perfide Unterstellung”. Katholische wie evangelische Geistliche begleiteten „unsere Soldatinnen und Soldaten”, sprächen mit Traumatisierten, würden die Toten begraben und stünden ihren Angehörigen bei. Den sofortigen Abzug habe sie nie gefordert. Aber es brauche einen erkennbaren Plan für den Abzug. Immer mehr Militär zu schicken, sei keine Lösung und bringe keinen dauerhaften Frieden. Auf die Frage, was die Bundeswehr anders machen solle, meint Käßmann, das seien politisch zu entscheidende Fragen. Wenn sie für den Frieden plädiere, sei das eine Schlussfolgerung aus dem Matthäus-Evangelium: „Selig sind die Friedfertigen”. Jede andere kirchliche Position würde doch wohl erstaunen.

Einige Rückfragen: Wie soll ein klares Friedenszeugnis aussehen? Warum bleibt Margot Käßmann in Rechtfertigungen stecken, spricht von „unseren” Soldaten, führt ausschließlich pragmatische Argumente an, weist implizit darauf hin, dass die Militärseelsorge dazu beiträgt, den Krieg führbar zu machen? Immerhin zitiert sie den Bergprediger. Doch warum dringt sie nicht durch zum theologischen Kern einer evangelischen - also am Evangelium orientierten - Haltung zur Frage des Krieges. Wenn mit Gewalt „Frieden” zu schaffen wäre, wären sie und die EKD dafür?

Was haben „gläubige Soldaten” in einer Armee verloren? Ruft Jesus uns nicht in seine Nachfolge und fordert uns auf, unsere Feinde zu lieben? Wie geht das mit der Waffe in der Hand?

Mit weiblichem Charme Taliban vom Frieden überzeugen? Ich meine, der Offizier, der so fragt, kommt der Antwort ziemlich nah. Nicht um weiblichen Charme geht es, sondern um den Charme der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu, von denen Paulus schreibt, sie sollten den Feinden zu essen und zu trinken geben, und so glühende Kohlen auf ihrem Haupt sammeln - bildhaft gesprochen, sie zu beschämen - und so Böses mit Gutem zu überwinden.

Warum ist der Krieg gegen Taliban und Al Kaida mit militärischen Waffen nicht zu gewinnen? Zum einen, weil es ein assymetrischer Krieg ist und Guerilleros und Selbstmordattentäter nicht militärisch zu bezwingen sind. Zum anderen, weil ein ideologischer Krieg nur mit geistlichen Waffen gewonnen werden kann.

Warum überlassen wir es den Staaten, diesen Krieg zu führen, die doch die geistliche Problematik gar nicht verstehen? Warum denkt Bischöfin Käsmann nur in den Kategorien staatlichen Handelns, sei es nun zivil oder militärisch? Warum kommen keine genuin christlichen Handlungsmöglichkeiten zur Sprache? Warum spielt Jesus keine Rolle in ihrer Argumentation?

Warum machen wir als Kirche nicht unsere eigene Außenpolitik, schicken Unterhändler zu den Taliban - gemäßigt oder radikal - und fragen nach den Bedingungen eines Friedens? Warum laden wir die Taliban nicht ein in evangelische Akademien, um über geistlichen Kampf (Dschihad) mit ihnen zu diskutieren?

Alles nur Spätfolgen des Bündnisses von Kirche und Staat seit Kaiser Konstantin?


“Nee, das kenne ich nicht” - lautet die Antwort, als ich in der Bahnhofsbuchhandlung anrufe und nach dem Cherubinischen Wandersmann von Angelus Silesius frage. Ich will es am dritten Feiertag noch einem Freund zu Weihnachten schenken. Die Bahnhofsbuchhandlung hat als einzige geöffnet. “Das gibt es in verschiedenen Ausgaben bei Reclam usw. “Von wem war das nochmal?” “Angelus Silesius.” “Können Sie den Nachnamen mal buchstabieren?” “Es - i - el - e - es - i - u - es.” Ich höre, wie in den Rechner getippt wird. “Nee, das haben wir nicht, wir müssten es bestellen.” “Nee, ich bräuchte es sofort.” “Tut mir leid.”

Mir tut es auch leid, dass ich das Buch nicht kriegen kann. Und noch mehr, dass es Buchhändlerinnen gibt, die Angelus Silesius, bürgerlich Johannes Scheffler, nicht kennen.

Hier einige weihnachtliche Verse des Schlesischen Engels aus dem 4. Buch Geistreicher Sinn- und Schlußreime, Nr. 5 und das sehr bekannte Stück 61 aus Buch 1:

Von dem JEsus Kind an der Mutter Brüsten

Wie schlecht ist Gottes Sohn bewirthet auf dem Heu:

Man siehet nichts umb ihn als lauter Armuthey:

Er achtets aber nicht

und läst jhm wol genügen

Weil ER kan an der Brust der süssen Mutter liegen.

.

Jn dir muß GOtt gebohren werden

Wird Christus tausendmahl zu Bethlehem gebohrn

Und nicht in dir; du bleibst noch Ewiglich verlohrn.


Ich komme aus dem trotz Schließung zum Jahresende mollig geheizten Woolworth und stehe in der eiskalten Winterluft. Vierstimmig entfernt klingt Tochter Zion. Konservenmusik vom Christkindelmarkt? Nein, es hört es sich gut an. Ich laufe in Richtung der Musik. Nach wenigen Metern stehe ich vor einer 5-köpfigen gemischten laut melodischen Gruppe. Zwei große Tafeln sagen, das Geld geht an die Augsburger Tafel. Der Gruppengrößte winkt, er singt Bass, mit einer roten Nikolausmütze. Mitsingen, mitsingen! Eine Frau löst sich aus der Gruppe, gibt ihre Zipfelmütze ab und läuft weiter. Ich setze die Mütze auf und singe mit. Doch in welcher Tonlage? Am besten Bass, doch dessen Töne kenne ich zu wenig. Ob ich die Notenblätter so schnell begreife oder dem Nebenmann so schnell hinterhersingen kann? OK, ich wechsle zur Melodiestimme, auch wenn es mir bei manchen Liedern - O du fröhliche - echt zu hoch raufgeht. Ich singe tapfer mit. Immer wieder werfen Passanten lieber Geld in die aufgestellte Kiste, als mitzusingen. So macht sich die Einladung zum Singen bezahlt.

Mit wem singe ich hier? Ich wende mich zu dem jungen Mann links neben mir. Ich setze zur Frage an, da fällt mein Blick auf sein Namensschild: Aha, ihr gehört also zu den Heiligen der letzten Tage!

Macht nichts. Fröhliche Lieder singen. Vierstimmig den kommenden Christus als Erlöser und Befreier begrüßen, das geht mit allen. So wird es wohl sein, wenn er demnächst oder dereinst kommt. Aus allen Ecken und Richtungen werden sie ihm Willkommen singen. Aus verschiedenen Gesangbüchern. Ein Chor, der noch nie miteinander gesungen hat.

Stille Nacht, heilige Nacht … ausgerechnet in diesem Lied vibriert mein Händi und klingelt immer lauter. Hallo Kurt, ja kein Problem, geht in Ordnung, kannst du machen. Du, ich sing grad Weihnachtslieder in der Fußgängerzone mit den Mormonen.

Bevor ich gehe, darf ich ein Wunschlied nennen. Es ist ein Ros entsprungen … von Jesse kam die Art … mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht. Sie sagen mir, sie singen auch in der Gemeinde singen und ich darf kommen.

Ja, ich weiß, wo eure Kirche ist. Vielleicht komme ich mal vorbei. Danke erstmal, dass ihr hier gesungen habt und ich mitsingen durfte.


Toni M. französischer Millionendieb, bekommt im Gefängnis jede Menge Fanpost. M., der sich zu Monatsbeginn mit einem Geldtransporter mit 11,6 Millionen Euro aus dem Staub gemacht hatte und sich später der Polizei stellte, bekomme ständig Heiratsanträge, sagte sein Anwalt … Der Mann, der 10 Jahre lang für eine Sicherheistfirma gearbeitet hatte und Anfang November mit einem vollen Geldtransporter die Flucht ergriff, habe nichts von einem Ganoven an sich. Im Internet wurde M nach seiner gewaltfreien Tat zum Helden.

Süddeutsche Zeitung 25.11.09

Na sowas, da bastle ich seit Jahrzehnten an Theorie und Praxis des gewaltfreien Banküberfalls, bin über recht ineffektive gewaltfreie Sitzblockaden noch nicht hinausgekommen und da kommt so ein Franzose, der nach dazu nichst von einem Ganoven an sich hat und macht sich mit “seiner egwaltfreien Tat [gar] zum Helden. Wenn er wieder draußen ist, werde ich ihn unbedingt kontaktieren. Vielleicht ließe sich auch jetzt schon ein Wörkschoptermin mit Monsieur Toni M. planen. Schade nur, dass er nicht erfolgreich war mit seiner Methode. Da muss noch dran gefeilt werden. Viele Projekte warten auf einen Geldregen.


Wenn nicht die schweiznationalistische SVP die Mehrheit gegen Minarette organisiert hätte, könnte ich einem Verbot von Minaretten durchaus etwas abgewinnen. Allerdings nur, wenn zugleich auch der Neubau von Kirchtürmen verboten würde. Was ist der Unterschied zwischen beiden Turmarten? Von den einen wird gebimmelt, von den anderen gerufen. Wenn’s gut gemacht wird, durchaus ein ästhetischer Genuss. Wenn’s schlecht gemacht wird, können sowohl Glocken als auch Muezzin einem schlecht werden lassen. Mehrfach bin ich in  Jerusalem und anderswo um 4 Uhr morgens wegen lautsprecherverstärkten Gebetsrufes aus dem Bett gefallen.

Uns Mennoniten war es lange Zeit verboten, öffentlich sichtbare Gebetsräume zu bauen, ganz zu schweigen von Kirchtürmen. Das hat uns viel Geld gespart.  Wir brauchen nur Versammlungsräume, keine Türme. Oder doch!? Vielleicht hätten wir auch ohne Verbot keine gebaut.

In vielen Dörfern sehe ich den katholischen Kirchturm den evangelischen überragen oder umgekehrt. Wer hat den größten? Die Psychologen haben wohl recht, wenn sie angesichts des Wettbewerbs der aufragenden Türme von Phallussymbolen sprechen.

Weder in der Bibel, noch im Koran finden sich Hinweise, dass Gott Gefallen am Turmbau habe. Im Gegenteil: er sieht es sehr kritisch, das Hoch- hinaus-Wollen.

Im 17. Jahrhundert zog George Fox, einer der Gründer der “Gesellschaft der Freunde”, im Volksmund Quäker genannt, durch England. Er rief die Menschen zur Umkehr auf den Weg Jesu. Er hatte keine Hemmungen, auch in Kirchengebäude mit Türmen zu gehen und dort zu predigen. allerdings bezeichnete er solche Gebäude nicht als Kirchen, sondern als Turmhäuser. Die Kirche, das sind wir Menschen, wenn wir uns von Gott rufen lassen und aus ihm heraus neu geboren werden. Kirche ist kein aus Steinen gebautes Gebäude, sondern ein Haus aus lebendigen Steinen gebaut - die Gemeinschaft derer, die Jesus seine Freunde nennt.

Bei einer ethischen Bilanz von Kirchtürmen und Minaretten schneiden übrigens die muslimischen Türme besser ab. Immerhin hängen keine Glocken darin, sie sind sozusagen ethisch neutral, zumindest wenn wir das Grundgebot der Nächstenliebe betrachten. In jedem Kirchturm landauf landab hängt die von Militärs und Regierungen hochgeschätzte strategische Metallreserve. Die Kirchenchroniken berichten von der Beschlagnahmung im Krieg, der kostspieligen Neubeschaffung im Frieden, um beim nächsten Krieg wieder Beschlagnahmung zu notieren … Wenige Dörfer wehrten sich und versteckten die Glocken vor dem Abtransport.


… der Tag ist nicht mehr fern, so sei nun lobgesungen, dem hellen Morgenstern.

Eigentlich wollte ich ja nix schreiben darüber, warum von mir seit Mitte September 09 kaum was hier zu lesen war. Doch ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 24.11.09 fordert mich heraus, doch was verlauten zu lassen. Die Menschen in meiner Umgebung wussten sowieso Bescheid, denn ich ging offen damit um. Also: zwei Monate ging’s mir richtig schlecht. Nach fast neun guten Jahren rutschte ich wieder ab in das finstere Tal einer Depression. Inzwischen bin ich auf der anderen Seite wieder rausgeklettert. So habe ich allen Grund, dem „hellen Morgenstern” Loblieder zu singen. Viele haben mitgeholfen, dass ich wieder auf die Beine kam. Meine Familie, die mich getragen hat, Leute aus der Gemeinde und darüber hinaus, die für mich beteten, mein Arzt und Therapeut, ein gutes antidepressives Medikament … und durch alle/s zusammen der gute Vater im Himmel. Jetzt, da es mir wieder gut geht und besser als zuvor, lese ich in der SZ, dass Depression nicht nur Nachteile habe. Unter der Überschrift „Eine graue Bilanz, Trotz aller Fortschritte in der Therapie von Depressionen sind 20 Prozent der Patienten nicht zu heilen” beendet Christian Weber seinen Artikel mit einem tröstlichen Schluss. Am Ende ist es gar ein Vorteil, nicht heilbar zu sein.

Denn es mehren sich die Hinweise, dass die Depression eben nicht nur eine moderne Volkskrankheit wie Übergewicht ist, bedingt durch Leistungsstress und Überforderung. Sie findet sich nämlich in allen Zeiten und Kulturen, sei es bei den Ache-Indianern in Paraguay oder den Kung-Buschleuten in Südafrika.

Das muss einen evolutionären Grund haben, behaupten Psychiater wie Paul Andrews und Anderson Thomson von der University of Virginia in einer Studie im Fachblatt Psychological Review (Bd.116, S.620, 2009). Darin argumentieren sie, dass die Beständigkeit der Depression daraufhin deute, dass die Krankheit auch gewisse Selektionsvorteile gebracht haben muss. Sie spekulieren, dass das für die Krankheit typische, andauernde Grübeln schon in prähistorischen Zeiten bei der Lösung komplexer sozialer Probleme hilfreich gewesen sein könnte.

Ob man aus solchen Einsichten dann gleich neue Therapieempfehlungen ableiten kann, wie Andrews und Thomson glauben, lässt sich diskutieren. Doch Studien wie ihre zeigen, dass die Depression vermutlich zur Grundausstattung der menschlichen Psyche gehört und wir uns noch länger mit ihr herumschlagen werden müssen, als Pharmaindustrie und Therapeutenkongresse es uns glauben machen wollen.

http://www.sueddeutsche.de/wissen/212/495537/text/

Ich hatte zwar länger schon aus meinen persönlichen Erfahrungen den Verdacht, dass wiederkehrende Depressionen auf eine mir nicht ganz verständliche Weise ein Teil von mir ist, ein Rhythmus, der zu meinem Leben gehört. Doch nun winkt mir und meinen Nachkommen gar ein Selektionsvorteil und besondere Fähigkeiten „bei der Lösung komplexer sozialer Probleme”. Geht am Ende mit der Schwermut auch ein besonderer Mut einher? Ob Mut und soziale Fähigkeiten sich auch unabhängig von der Depression vererben? Ich hoffe es.


Am 1.6.09 wird die 31jährige Ägypterin Marwa Ali Mohamed el-Sherbini in einem Dresdener Gerichtssaal von einem Russlanddeutschen durch Messerstiche ermordet. Der Täter verletzt auch ihren zuhilfe geeilten Mann Elwy Ali Okaz, der dazu noch von Polizeikugeln getroffen wird. Anlass des Prozesses waren rassistisch islamophobe Pöbeleien des Angeklagten als Marwa ihn bat, auf einem Spielplatz eine Schaukel für ihre Tochter freizumachen.

Bisher las ich über den Täter als Alex W. Seit einigen Tagen jedoch lese ich in der Süddeutschen Zeitung den vollen Namen: Alex Wiens. Ein mennonitischer Name. Ich kenne eine Menge Leute, die Wiens heißen. Manche schreiben sich mit “ß” oder “ss” oder auch wie Alex mit “s”. Ein typisch mennonitischer Familienname aus Westpreußen, weitergewandert nach Russland, Kanada, Paraguay.

Was ist mit Alex Wiens geschehen, dass er so voller Hass ist? Was hat er erlebt auf seinem Weg seit seiner Geburt am 12.11.1980 in Perm/Ural? Was ist schiefgegangen in diesem Leben schon vor dem 1.6.09? Hatte er irgendwann Kontakt zu einer Gemeinde? Fragen, die nur er selbst beantworten kann.


Das ist aber mal eine gute Nachricht. Der Rat der EKD hat beschlossen, das Augsburger Bekenntnis (AB) nicht in die Grundordnung der EKD aufzunehmen.

Er schließt sich darin einer Empfehlung der Kammer für Theologie an, die am 28.9.09 herauskam: „Soll das Augsburger Bekenntnis Grundbekenntnis der Evangelischen Kirche in Deutschland werden?“

Der Münchner Theologieprofessor Gunther Wenz hatte gemeint, durch Artikel 7 hätte „das Kirche-Sein der EKD theologisch noch besser begründet werden können“. Dort heißt es: „Denn das genügt zur wahren Einheit der christlichen Kirche, dass das Evangelium einträchtig im reinen Verständnis gepredigt und die Sakramente dem göttlichen Wort gemäß gereicht werden. Und es ist nicht zur wahren Einheit der christlichen Kirche nötig, dass überall die gleichen, von den Menschen eingesetzten Zeremonien eingehalten werden.“

Der Sache mit den Zeremonien kann natürlich nur zugestimmt werden, doch zum Kirchesein sollen Predigt und Sakrament ausreichen? Nachfolge Christi wird in der Confessio Augustana (CA) nicht als nota ecclesiae (Kennzeichen der Kirche) genannt. Stattdessen in mehreren Artikeln die notorische Verdammung der Täufer, weil sie es u.a. geboten sahen, keine Gewalt zu üben und keine Kinder zu taufen. Die Verdammungen der CA hatten blutige Folgen und stehen im Kontext des Ekklesiozides an den täuferischen Gemeinden.

Gott sei Dank gibt es heute in allen EKD-Gliedkirchen Christen,  die den Kriegsdienst verweigern und vom Evangelium her meinen, Christen sollten sich generell nicht an der Ausübung von Gewalt beteiligen. Gut, dass sie sich nun nicht von der EKD-Grundordnung verdammt sehen müssen. Schlimm genug, dass die lutherischen Gliedkirchen der EKD weiterhin am AB festhalten.

Hier findet sich der Text der Kammer für Theologie: EKD-Text 103

Hier Meldungen: ekd idea


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