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Verblüffende Parallelisierung von Eid- und Gewaltverweigerung

 

„Schön, dass Hans Denck in der Weihnachtsausgabe der Süddeutschen zu Wort gekommen ist! (gerade entdeckt! — ich habe die Zeitung nur aus einer Laune heraus gekauft, blättere sie gerade durch).“ So schrieb mir ein Freund am 2. Weihnachtsfeiertag. – Ja, schrieb ich ihm zurück: „Dein Email erinnert mich, den Brief in Gänze auf meinen Blog zu stellen.“ Was ich hiermit tue. Die SZ hat nur ein kleines Fragment meines Leserbriefes abgedruckt: Unten in kursiver Schrift. Leider hat sie Dencks verblüffende Parallelisierung von Eid- und Gewaltverweigerung rausgekürzt.
Der Artikel selbst ist leider nicht frei zugänglich. Wer einen SZ-online-Zugang hat, wird hier fündig: https://www.sueddeutsche.de/kultur/amtseid-ampel-kabinett-so-wahr-mir-gott-helfe-1.5485137?reduced=true

Leserbrief zu „Ach, Gottchen – Die Hälfte des neuen Kabinetts will keine Hilfe von ganz oben. Ein Skandal?“ Von Kurt Kister, SZ 11.12.21, S. 17

Mal wieder dieselbe „Debatte“, wer von der neuen Regierung mit oder ohne religiöse Formel den Amtseid geschworen hat. Auch Kurt Kister erwähnt, dass Gerhard Schröder als bisher einziger Kanzler auf das „So wahr mir Gott helfe“ verzichtete. Nun also auch Scholz, samt zwei weiteren Sozis und alle grünen Minister. Ganz entspannt könne man das sehen, beides sei „irgendwie okay“ und angesichts fortschreitender Säkularisierung würden sich „spätestens bei der übernächsten Kabinettsvereidigung … nicht mehr viele Menschen Gedanken darüber machen“.

Zu Beginn seines launigen Artikels zitiert Kister das Eidverbot Jesu in der Bergpredigt. Er konstruiert daraus einen Widerspruch zwischen Jesus, dem Sohn, und Gott Vater, der doch dem Abraham Segen und viele Nachkommen zugeschworen habe. Dabei geht Jesus schon darauf ein, dass es früher anders geheißen habe: „Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (3. Mose 19,12; 4. Mose 30,3): Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deine Eide halten. – Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron; noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“ Matthäus 5, 33 ff.

Das Eidverbot kann nicht ganz nebensächlich sein, wird es doch an anderer Stelle des Neuen Testaments bekräftigt (Jakobus 5, 12). Es geht Jesus und Jakobus nicht um eine religiöse Formel, sondern um den Eid schlechthin. Das gerät Kister im weiteren etwas aus dem Blick. Wir sollen immer wahrhaftig reden, dafür reicht Ja und Nein. Wir können unsere Handlungen in der Zukunft nicht garantieren, also sie auch nicht per Eid bekräftigen, schon gar nicht indem wir Gott zum Zeugen oder Helfer herbeirufen. Wir sollen Gott nicht für unsere Zwecke benutzen.

Es hat immer wieder Christen gegeben, die das ernstgenommen haben und sich durch Verweigerung verschiedener Formen des Eides erhebliche Nachteile einhandelten, etwa die Täufer auf dem „linken“ Flügel der Reformation des 16. Jahrhunderts. Damals mussten in den Schweizer Eidgenossenschaften oder auch in freien Reichsstädten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation einmal im Jahr alle Bürger antreten und einen Loyalitätseid leisten. Wer den verweigerte, musste mit Stadtverweis, Haft oder gar Hinrichtung rechnen. Der Täufer Hans Denck schrieb dazu 1527: „Gelübde und Eid zu halten steht in keines Menschen Hand, sondern was ein Freund Gottes für recht erkennt, soll er ohne Gelübde und ohne Versprechen tun … Manche aber sagen: Es schwöret doch Gott selbst und dies ist nicht Unrecht, darum dürfen wir es auch tun … Darauf lautet die Antwort: Wenn wir gewiss sein können, dass wir es zu halten vermögen, wie er, so mögen auch wir schwören wie er. Also steht es auch mit dem Totschlagen und Herrschen, wenn wir es frei von Rache und Eigennutz tun könnten wie Gott …“ Der letzte Satz deutet auf die in der Bergpredigt ebenfalls gebotene Gewaltfreiheit und Feindesliebe und die Beziehung zwischen Loyalitätsverweigerung und Gewaltverzicht.

Nach dem Grundgesetz sind übrigens weder Kanzler noch Ministerinnen zum Eid verpflichtet. Das GG enthält dazu KEINEN Artikel. Es schweigt dazu, wie schon die Weimarer Verfassung. Kanzler und Minister bedürfen NUR der Ernennung durch den Bundespräsidenten (GG Art 63 & 64) und KEINES Amtseides.

Seltsam, dass die religiöse Formel oft als Hinweis auf den Glauben der schwörenden gesehen wird.  Dabei achtet derjenige, der sie gebraucht, doch am allerwenigsten auf Lehre und Vorbild Jesu.

Olaf Scholz verzichtete schon beim Ministereid 2018 auf die religiöse Formel und kam so dem Neuen Testament zumindest auf halbem Weg entgegen. So gesehen, zeugt die uniforme Verwendung der religiösen Formel durch sämtliche FDP-Minister ironischerweise von der traditionellen Glaubensferne dieser Partei.

Wolfgang Krauß, Augsburg


Wild Church – Kirche in der Wildnis

Das Seufzen der Schöpfung

So 31.10.21, 17 Uhr, Augsburg, Zukunftsdenkmal, Eisstadion

Das Seufzen der Schöpfung. Paulus schreibt davon im 1. Jahrhundert im Brief an die Gemeinde in Rom. Fast scheint es, er reflektiere die ökologische Krise des 21. Jahrhunderts: Es geht um Sklaverei und Verlorenheit,  Bedrohung und Vergehen der Schöpfung, aber auch Hoffnung auf ihre Befreiung und die Geburtswehen einer neuen Schöpfung.

 

Kirche in der Wildnis – Wild Church ist eine experimentelle Liturgie. Sie nimmt die ökologische Krise ernst und sucht sich neu in der Liebe des Schöpfers zu dieser Welt zu verwurzeln.

Wir feiern Gottesdienst nicht in, sondern mit der Schöpfung. Wir loben den Schöpfer. Wir klagen ihm die Zerstörung durch uns Menschen. Inmitten der Herausforderungen, wollen wir eine geistliche Praxis entwickeln, die unseren Glauben erdet und unser Handeln motiviert.

Der Same der Wild Church Bewegung kam über Nordamerika zu uns. Er soll auch in unserer Bioregion wachsen. Einmal im Monat versammeln wir uns bei jedem Wetter im Freien. Angestrebt wird ein offener ökumenischer Trägerkreis.

Unter Beachtung der geltenden Corona-Regeln

Infos in englischer Sprache: wildchurchnetwork.com

Termine: So 28.11.21, 16 Uhr. Zukunftsdenkmal Grünanlage beim Eisstadion. So 12.12.21, 16 Uhr, Zukunftsdenkmal Grünanlage beim Eisstadion.

Kirche in der Wildnis – Wild Church, c/o Mennonitengemeinde Augsburg, Wolfgang Krauß

0152-21627812, wolf@loewe-und-lamm.de, mennonitengemeinde.de, wolfgangsnotizen.de

pdf: 21-10-31EinladungSeufzenSchöpfung                   

 


Schöpfungsandacht, So 26.9.2021, 17 Uhr

Park am Roten Tor, Nähe Viadukt

Kirche in der Wildnis – Wild Church ist eine experimentelle Liturgie. Sie nimmt die ökologische Krise ernst und sucht sich neu in der Liebe des Schöpfers zu dieser Welt zu verwurzeln.

Wir feiern Gottesdienst nicht in, sondern mit der Schöpfung. Wir loben den Schöpfer für seine gute Schöpfung. Wir klagen ihm die Zerstörung durch uns Menschen. Inmitten der Herausforderungen, wollen wir eine geistliche Praxis entwickeln, die unseren Glauben erdet und unser Handeln motiviert.

Der Same der Wild Church Bewegung kam über Nordamerika zu uns. Wir hoffen, dass er auch in unserer Bioregion wächst und blüht.

Am 25.7.21 feierten wir im Friedensfestprogramm zum ersten Mal als „Kirche in der Wildnis“. In Zukunft wollen wir uns einmal im Monat bei jedem Wetter im Freien versammeln. Angestrebt wird ein offener ökumenischer Trägerkreis.

 

Unter Beachtung der geltenden Corona-Regeln
Infos in englischer Sprache: wildchurchnetwork.com

Termine:
So 31.10.21, 16 Uhr, Zukunftsdenkmal Grünanlage beim Eisstadion
So 28.11.21, 16 Uhr. Ort noch offen.
So 12.12.21, 16 Uhr, Ort noch offen.

Kirche in der Wildnis – Wild Church,
c/o Mennonitengemeinde Augsburg, Wolfgang Krauß
0152-21627812, wolf@loewe-und-lamm.de,
mennonitengemeinde.de


Thema „Fürsorge“

Am 21.7.21 eröffnete Oberbürgermeisterin Eva Weber das Kulturprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest 2021. Bis 8.8.2021 wird das Thema „Fürsorge“ in vielfältigen Veranstaltungen durchdekliniert. Beim Eröffnungsabend zeigten Pflegerinnen und Pfleger verschiedener Pflegeberufe in welch grundsätzlicher Misere sie stecken und wie diese verschärft wird durch die andauernde Coronakrise. Es war nicht „schön“ anzuhören und anzusehen. In ihrem „Careslam – Der Fürsorge eine Stimme geben“ schilderten sie Alltagssituationen und grundsätzliche Herausforderungen. Etwa auch durch rassistische Haltungen und Verhalten gegenüber nicht-weißen Pflegekräften in der Altenpflege. Die authetischen Stimmen des Slam haben mich und andere „mitgenommen“ – im doppelten Sinn. Der Pflegeslam steht in der Tradition des „Theaters der Unterdrückten“ von Augusto Boal. Umrahmt wurde er durch die allerdings sehr schöne Musik der kurdischen Musiker Adir Jan (Tembur) und Emrah Gökmen (Gitarre) aus Berlin. Sie spielten Lieder von Adir Jan. Auch der Careslam kommt aus Berlin und wurde von den Berliner Initiatorinnen nach Augsburg gebracht.

Es ist das zweite Friedensfestprogramm unter Pandemiebedingungen. Die große Friedenstafel auf dem Rathausplatz wird es am 8. August nicht geben. Auch manch andere Großveranstaltung geht nicht oder ist auf Coronagröße geschrumpft. Auch der große ökumenische Gottesdienst in St. Anna wird mit Abstand wieder weniger stark besucht werden können.

Als Mennonitengemeinde und Die andere Reformation in Augsburg haben wir wieder einige Veranstaltungen eingebracht. Siehe unten und hier Friedensfest2021Fürsorge

Alle Veranstaltungen im Rahmen der dann geltende Corona-Regeln
Anmeldung jeweils: 0152-21627812, wolf@loewe-und-lamm.de

Infos zum Friedensfest: friedensstadt-augsburg.de

Das ganze Programm im gedruckten Programmheft oder dessen online-Version

Fürsorge & Herrschaft
Auf den Spuren einer Kirche der Armen
Samstag 24.7.21 und 31.7.21,10 Uhr, Treffpunkt Rathaus Haupteingang, 10 €
Stadtführung mit Wolfgang Krauß, Die andere Reformation

Augsburg im Mittelalter, weltliche und kirchliche Macht verbündet. Bischof und Stadt sorgen für alle. Wohltätige Stiftungen investieren in Fürsorge und Seelenheil. Die Reformation bringt keine neue Ordnung, sondern paritätische Verdopplung.

Wir folgen den Spuren sozial und religiös dissidentischer Gruppen, wie der Bewegung um den Prediger Schilling 1524 und der „Gartengeschwister“ ab 1526. Kritik an ungerechter Wirtschaft verbindet sich mit selbstorganisierter Armenkasse. Eine Kirche der Armen. Der Stadtrat reagiert mit „fürsorglicher“ Kriminalisierung und Verfolgung.

 

Seht die Vögel unter dem Himmel!
Wild Church – Kirche in der Wildnis
So 25.7.2021, 17 Uhr, Park am Roten Tor, Nähe Viadukt

Seht die Vögel unter dem Himmel! Matthäus 6, 26. Jesus gebrauchte viele Bilder und Gleichnisse aus der Schöpfung. Kirche in der Wildnis ist eine experimentelle Liturgie. Sie nimmt die ökologische Krise ernst und sucht sich neu in der Liebe Gottes zu dieser Welt zu verwurzeln.

Wir feiern Gottesdienst nicht in, sondern mit der Schöpfung. Wir loben den Schöpfer für seine gute Schöpfung. Wir klagen ihm die Zerstörung durch uns Menschen. Inmitten der Herausforderungen, wollen wir eine geistliche Praxis entwickeln, die unseren Glauben erdet und unser Handeln motiviert.

Der Same der Wild Church Bewegung kam über Nordamerika zu uns. Wir hoffen, dass er auch in unserer Bioregion wächst und blüht. In Zukunft wollen wir einmal im Monat uns bei jedem Wetter im Freien versammeln.

Mennonitengemeinde Augsburg, mennonitengemeinde.de, wildchurchnetwork.com

 

Seid barmherzig …
8. Augsburger Predigtslam
Mittwoch 4.8.21, 19 Uhr, Café Tür an Tür, Wertachstr. 29
Biblia Viva Augustana Eintritt frei, Spende erwünscht
Moderation: Wolfgang Krauß, Juryvorsitz: Alois Knoller

Der barmherzige Samariter, Lukas 10, 25-37

Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist! Lukas 6,36. Ein Wort Jesu, nachdem er eingeladen hat, selbst Feinde zu lieben. Wer das tue, werde zu einem Kind Gottes, der seine Sonne aufgehen lässt über Bösen und Guten. Gottes barmherzige Zuwendung wurzelt im Bund mit seinem Volk Israel. Und alle Völker sind eingeladen.

Genug Stoff für einen Predigtslam. Jede Predigt sieben Minuten.Es predigen Frauen, Männer, Junge, Alte, mehr oder weniger Bibelfeste … nur theologische Profis ausnahmsweise nicht. Bekannte und Unbekannte aus Augsburg sind angefragt. Wer mitmachen will, darf sich zum Mitslammen melden.


… über „Bereitschaft zum Leiden“

So 21.3.21, 18 Uhr (Zoom offen ab 17.45)

21-03-21Olaf&Wolfgang

Unsere Gesprächsreihe geht weiter. Ursprünglich entstanden war sie 2020 als Antwort auf die pandemiebedingte Pause unserer monatlichen stillen Andacht nach Quäkerart in Augsburg.Wir können uns nicht mehr im Wohnzimmer versammeln. Nun treffen wir uns zum Gespräch über „mennonitische“ und „quäkerische“ Themen im digitalen Wohnzimmer.  So funktioniert unser online-Treff: Olaf & Wolfgang machen zunächst eine Einleitung aus Quäker- & Mennosicht. Dann dürfen und sollen alle mitreden.

Die Sonne steht höher, unser bisheriger Beginn um 17 Uhr ist inzwischen noch Spaziergangszeit, darum beginnen wir erst um 18 Uhr. Seid dabei am So 21.3.21, 18Uhr.

Es grüßen Olaf & Wolfgang

Zoom-Gespräch zum Thema „Bereitschaft zum Leiden?!“

Wir sind in der Passionszeit. Doch ist nicht immer Leidenszeit? Zumindest wenn wir das Wort Jesu ernstnehmen „Wer mir nachfolgen will, … der nehme sein Kreuz auf sich“ Mt 16, 24. Für die frühen Täufer im 16. Jahrhundert war das Teil ihrer Glaubenserfahrung. Mehrere Tausend Geschwister wurden um ihres Glaubens willen hingerich-tet. Viele erlebten Gefangenschaft, Körperstrafen, Ausweisung … In Märtyrerliedern, dem Märtyrerspiegel und anderen Geschichtsbüchern wurden die Geschichten vom Leiden der täuferischen Väter und Mütter erzählt und in Beziehung zum Leiden Jesu gebracht.

Auch die frühen Quäker im England des 17. Jahrhundert wurden verfolgt. Ihr Verzicht auf gewaltsamenWiderstand war für sie integraler Teil der Nachfolge Jesu.  Das damit verbundene Leiden sahen sie als heils-notwendig. Es war aber kein stilles Erdulden und Rückzug ins Private, sondern öffentliches Leiden. England und Teile Europas wurden regelrecht mit Flugblättern überflutet, in denen die Gräuel der Verfolgung bekannt gemacht und angeklagt wurden. Das sog. „Meeting for Sufferings“ war die erste Institution, die sich bei den Quäkern etablierte, noch vor den  Monats- und Jahresversammlungen.

Im 20. Jahrhundert prägte die Bereitschaft zum „freiwilligen Leiden“ gewaltfreie Begegungen wie den indischen Unabhängigkeitskampf (Gandhi), die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung (Martin Luther King) oder den aktiven Widerstand gegen nukleare Aufrüstung in den 1980ern. Für das Konzept „Ziviler Ungehorsam“ war sie konstituitiv. Auch heute werden Gläubige und/oder gewaltfreie Aktivistinnen in manchen Ländern verfolgt.

Wie verarbeiteten Täufer, Quäker und andere ihre Leidenserfahrung theologisch und psychisch? Wie wird  ihre Identität und ihr Gemeinschaftsbewusstsein bis heute davon geprägt? Weitere Fragen, auch Antworten erwarten wir aus dem Gespräch miteinander.

Zoom-Meeting beitreten

https://us02web.zoom.us/j/81482096761?pwd=MzR0b1JxOVMvdjdnaFlCRFNJZWU0QT09

Meeting-ID: 814 8209 6761, Kenncode: 798984

Voraussichtlich nächste Treffen: 18.4.21, 16.5.21.

Direkt im Anschluss ein weiteres täuferbezogenes Zoomtreffen: Im Rahmen des Themenjahres 2021 gewagt! gemeinsam leben, Gespräch mit Prof. Dr. Andrea Strübind und PD Dr. Astrid von Schlachta: 21.3.2021, 19:30 Uhr: „Sag mir, wo die Kinder sind?“ Die generationsübergreifende Gemeinde vor dem Aus?

 


Hans Hut, Stich von Christoph van Sichem 1608

Heute vor  493 Jahren, also am 7.12.1527, wurde über Hans Hut in Augsburg zu Gericht gesessen. Das Gericht befand über die Schuld eines bereits Toten. Wegen Ketzerei und Aufruhr wird er zum Tod durch auf dem Scheiterhaufen verurteilt. Das Urteil an seiner Leiche wird noch am selben Tag vollstreckt.

Womit hatte hatte er das verdient?

Womit hatte er das verdient? Was war geschehen? Schon seit 15.9.1527 lag Hut zusammen mit drei anderen religiösen Dissidenten gefangen im Augsburger Eisenhaus, heute Elias-Holl-Platz hinter dem Rathaus. Er gehörte zu den Augsburger Gartenbrüdern und -schwestern, auch Täufer oder Wiedertäufer genannt. Sie versammelten sich ohne Genehmigung der Obrigkeit in Häusern und Gärten und suchten miteinander den Weg der Nachfolge Jesu zu gehen. Solch selbstbestimmtes staatsfernes Kirchesein missfiel dem Stadtrat, zudem hatte es in Augsburg im August 1527 ein überregionales Treffen der Täuferbewegung gegeben. Das war nicht unbemerkt geblieben. Einige Tage vor dem 7.12.1527 hatte es in Hans Huts Zelle gebrannt. Am Nikolaustag war er an den Folgen der Rauchvergiftung gestorben. Aus den städtischen Quellen erfahren wir, er habe den Brand selbst gelegt, um im Durcheinander der Löscharbeiten fliehen zu können. Täuferische Geschichtsschreiber berichten, er sei in strengem Verhör gefoltert worden und man habe ihn bewusstlos ins Stroh gelegt. Ins Stroh sei auch eine Kerze gestellt worden.

Wer war Hans Hut?

Wer war Hans Hut? Geboren etwa 1490 in Haina, war er Mesner in Bibra, als reisender Buchhändler mit reformatorischen Schriften unterwegs. Ein Freund Thomas Müntzers und mit ihm dabei bei der Niederlage der Bauernbewegung in der Schlacht bei Frankenhausen 1525. Wie Tausende Bauern, Handwerker, Tagelöhner, Knechte und Mägde, viele Intellektuelle hatte er große Hoffnungen gesetzt auf die Bewegung der Bauern: politische Mitbestimmung, soziale Gerechtigkeit, religiöse Freiheit schienen möglich. Doch die Reaktion der Fürsten und ihre überlegene militärische Macht ließen alle demokratischen Hoffnungen und Träume platzen. Hans Hut stieß in Augsburg zur Täuferbewegung. Hier fand er eine Gemeinschaft, die seine Hoffnungen bewahrte. Bis zu 1000 Gartengeschwister soll es gegeben haben. Eine Minderheit unter vielleicht 30.000 Einwohnern. Für Hut der Anfang einer neuen Gesellschaft. Er machte Augsburg zum Ausgangspunkt seiner Reisen bis nach Mähren. Und überall predigte er die bevorstehende neue Welt, rief die Menschen zur Umkehr hin zum kommenden Reich Gottes. Die Enttäuschung über die Niederlage der Bauern verwandelte er in umso größere Erwartung des kommenden Tages des Herrn. Die Pfingsttage 1528 sollten die Entscheidung bringen. Dann würde der Herr wiederkommen und an der Spitze der Himmlischen Heerscharen Gerechtigkeit und Frieden bringen. Auch den Christen werde dabei das Schwert in die Hand gegeben und die Türken wären auch mit im Bunde. Anders als im Bauernkrieg solle man aber nicht selbst aktiv werden, sondern geduldig warten auf das himmlische Signal. Bis dahin sei gewaltlose Nachfolge Jesu angesagt.

Das Scheitern einer Vision

Hut erlebte das Scheitern seines Zeitplanes nicht. Der Augsburger Stadtrat und sein Sekretär Conrad Peutinger verstanden Huts eschatologische Vision als kaum verhüllte Pläne zu einem neuen Aufstand. Der  Bauernkrieg war erst 2 Jahre her. In zahlreichen Verhören mit verschiedenen Stufen der Folter wollten die Augsburger Richter ihm Details der Aufstandspläne entlocken. Hut besteht darauf, doch nur die Schrift ernst zu nehmen.

Auch wenn er sich im Zeitrahmen geirrt hat, Hans Hut und andere Täufer hatten eins begriffen: Eine andere Welt ist möglich. Sie waren empfänglich für diese Vision, weil sie in einer Welt der Ungerechtigkeit und der Leibeigenschaft hungerten nach Gerechtigkeit. Sie hatten, manche meinten kurz vor dem Ziel, ihre eigene Machtlosigkeit erfahren. Angesichts des Scheiterns der Bauernbewegung zogen sie den Schluss, nur Gott kann es schaffen.

Und wir heute? Nur Gott machen lassen?

Wie gehen wir heute angesichts der auf uns zukommenden Klimakatastrophe, des weltweiten Artensterbens und weiterhin vorhandener Bedrohung mit nuklearem Overkill mit den apokalyptischen Szenarien der Bibel um? In einer Predigt zu Jakobus 5, 1-11 „Haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn!  … Macht euer Herz stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor“, hörte ich letzten Sonntag den Satz: „Wie immer wir uns das vorstellen.“ Ausdruck der Verlegenheit gegenüber diesem wichtigen Teil der Frohen Botschaft?

Flüchten wir uns in eschatologische Phantasien wie Hasn Hut? Was können uns die Zukunftsvisionen von der nahen Ankunft des Herrn heute sagen angesichts der sich zuspitzenden ökologischen Krise. Wie wird Gott heute gegenwärtig? Was hat das mit unserem Handeln als Christen und Kirche zu tun?  Sollten Gott und Mensch nicht zusammenarbeiten? Wie soll diese Zusammenarbeit aussehen in einer komplexen globalisierten Welt? Apokalypse heißt Enthüllung, Aufdecken, Demaskierung. Was will uns die Johannesapokalypse enthüllen, wenn wir sie nicht als Zeitplan lesen, sondern als Analyse des Imperium Romanum, einer globalisierten Welt vor 2000 Jahren?

Ein Loblied auf den Schöpfer und die Schöpfung von Hans Hut

Eine Gedenkveranstaltung 2016


Betreff: Friedensfest 2020 „Rituale“, Candomblé Ritual zur Eröffnungsfeier am 30.6.20

Augsburg, 15.7.2020. Als Vertreter der Augsburger Mennonitengemeinde in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen schrieb ich am 15.7.20 einen offenen Brief an Oberbürgermeiserin Eva Weber. Die anderen freikirchlichen Delegierten in die ACK unterstützten den Brief. Darin äußerten wir unser Befremden an der stark esoterischen Ausrichtung des von der Stadt Augsburg getragenen Friedensfestprogramms 2020. Das 1650 als Dankfest für das Ende des 30jährigen Krieges entstandene Augsburger Hohe Friedensfest scheint weit von seinem Ursprung entfernt. Damals wurden die Kirchenschlüssel an die Lutheraner zurückgegeben, die nun nicht mehr unter freiem Himmel Gottesdienst feiern mussten. Zwar war damit noch keine volle Religionsfreiheit verwirklicht, Reformierte, Täufer, Juden … hatten keinen paritätischen Status. Doch ein Anfang war gemacht.

Hier unser Brief an OB Weber im Wortlaut. Als Anlage dazu ein Bericht über den Eröffnungsabend.

 

Mennonitengemeinde Augsburg


Wolfgang Krauß

Vertreter der Freikirchen in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen am Runden Tisch der Religionen

www.mennonitengemeinde.de

Frau

Oberbürgermeisterin Eva Weber

Rathausplatz 1

86150 Augsburg

Augsburg, 15.7.2020

 

Offener Brief

 Betreff: Friedensfest 2020 „Rituale“, Candomblé Ritual zur Eröffnungsfeier am 30.6.20

Sehr geehrte Frau Weber,

ich schreibe Ihnen aufgrund meiner Eindrücke bei der Eröffnung des Friedensfestprogramms  im Annahof.

Anbei finden Sie einen Text, der mein Erleben, meine Gedanken und Gefühle zu dem dort zelebrierten Ritual der Candomblé-Religion schildert. Eine Rückfrage bei anderen Freikirchen bzw. deren Delegierten in der Augsburger Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK) ergab, dass ich nicht der einzige bin, der diesen Auftakt kritisch sieht. Die freikirchlichen ACK-Delegierten, darunter auch mein Stellvertreter am Runden Tisch der Religionen, Klaus Engelmohr, unterstützen das Anliegen. Sie finden ihre Namen am Ende des Briefes.

Wir sehen im Augsburger Hohen Friedensfest ein wertvolles und unverzichtbares historisches Erbe. Wohl keine andere Stadt feiert seit 1650 den Frieden. Zuerst als evangelisch-lutherisches Dankfest, dass nach dreißig Jahren Krieg wieder in Frieden und in eigenen Kirchen evangelischer Gottesdienst gefeiert werden durfte. Dann als ökumenisches Fest. Inzwischen als multiethnisches Ereignis der ganzen vielfältig gewordenen Stadtgesellschaft, das aber doch von seinen Wurzeln her lebt.

Beim Durchblättern des Programmheftes wachsen jedoch unsere Fragezeichen:  Ein Gastbeitrag schildert das Ritual der „Kogi“ in der Sierra Nevada de Santa Marta: „von einer rituellen Priesterschaft beherrscht“ werden die Priesterkandidaten im Alter von drei Jahren von ihren Familien getrennt und achtzehn Jahre in Dunkelheit gehalten, „um an die neun Monate im Mutterleib zu erinnern. In all dieser Zeit existiert die Welt nur als Abstraktion, wahrend sie in die Werte ihrer Gesellschaft eingewiesen werden. Eine barocke Religiositat, die überwältigend ist.“ Programmheft 2020, S. 14. Der Autor distanziert sich NICHT von solch menschenverachtenden Praktiken. Dreijährige Kinder werden ihrer Kindheit, Familie und Jugend beraubt. Jede Entwicklung eigener Identität und Selbstbestimmung wird verhindert. Ein Beispiel, dass manche Kulte und ihre Rituale eben keine harmlose Folklore sind. Als gläubige Menschen sehen wir unsere Aufgabe nicht darin, Menschen in Finsternis zu halten, sondern Zeugen des Lichts zu sein.

Grafisch wird das Programmheft beherrscht von eigens für das Friedensfest gestalteten Orakel- oder Tarotkarten „weltlich, weiblich, humorvoll“. Dort heißt es: „Seit Jahrhunderten wenden sich Menschen mit ihren innersten Fragen an Orakel- oder Tarotkarten um Antworten zu bekommen“. S. 34. Die meisten der ganzseitigen Illustrationen im Programmheft stellen solche Orakelkarten dar: „Die Magierin“, S. 35 ; „Liebe Worte, S. 36; „Die Freiheit“, S. 47; „Die Schöpferin“, S.83;  „Dankbarkeit“, S. 94; „Wünsche“, S. 103; „Landart“, S. 108; „Der Blutsee“, S. 109. Sie künden von einer esoterischen Spiritualität, die Feuerbachs These vom selbstgemachten Gott (hier eher Göttin) eindrucksvoll bestätigt.

Ähnlich sehen wir die Verehrung der sagenumwobenen Augsburger „Göttin Cisa – Sie ist bei uns“, die in einer Kunstinstallation wiederbelebt werden soll. S. 76 . Oder dass in einem „Workshop für Magie und Rituale im Alltag“ ein „Zauberlehrling gesucht“ wird. S. 87.

Wir beobachten und beklagen eine Paganisierung des Friedensfestprogramms. Ritualkritik gehört für uns zum Kern des Christentums, ja wohl zum Kern jeder monotheistischen Religion. Die Propheten Israels protestierten gegen menschenverachtende Rituale und forderten stattdessen Gerechtigkeit für die Armen und an den Rand Gedrängten als „wahres Fasten“. Jesus reiht sich ein in diese prophetische Tradition. Sein Leben und sein Tod am Kreuz setzen nach Ansicht des Neuen Testaments und der frühen Kirche allen bisherigen Opferritualen ein Ende. Auch die prophetische Verkündigung des Islam ist dezidiert ritualkritisch. Dieser genuin aufklärerische religiöse Impetus der abrahamitischen Religionen richtet sich gegen die Anbetung menschengemachter Götter und die Rituale ihrer Verehrung.

Das Augsburger Hohe Friedensfest und seine Geschichte sind zu wertvoll, um sie in eine beliebige esoterische Religiosität münden zu lassen. Das Friedensfest hat sich in den letzten Jahrzehnten geöffnet und damit reagiert auf die multikulturelle Entwicklung der Stadtgesellschaft. Diese Öffnung soll nicht zurückgedreht werden. Es gilt vielmehr sie zu gestalten und orientiert am Gründungsereignis von 1650 und der daraus entstandenen Tradition zu entwickeln.

Krisenbedingt fällt die große Friedenstafel auf dem Rathausplatz dieses Jahr leider aus. Wir hoffen, dass  wir dort nächstes Jahr wieder miteinander den alles menschliche Denken übersteigenden Frieden Gottes feiern können, indem wir inmitten unserer vielfältigen Stadtgesellschaft Essen und Trinken teilen. In Toleranz und gegenseitigem Respekt möchten wir uns gegenseitig ein Zeugnis sein von der je eigenen Erfahrung von Wahrheit und Licht. Wir sehen in der Friedenstafel ein Vorzeichen des kommenden Gottesreiches, wo die Völker kommen von Ost und West, Süd und Nord und miteinander zu Tisch sitzen. Mt 13,29.

Seien Sie herzlich gegrüßt. Gott gebe Ihnen Kraft für Ihre vielfältigen Aufgaben!

Wolfgang Krauß, Mennonitengemeinde, ACK, Runder Tisch der Religionen

Pastor

 

Mitunterzeichner:

Dr. Bodo Danzfuß, Mennonitengemeinde, ACK

Pastor Michael Bitzer, Freie evangelische Gemeinde, Augsburg-Mitte, ACK

Pastor Klaus Engelmohr, Projekt X (Freie evangelische Gemeinde), ACK, Runder Tisch der Religionen

Christian Hafner, Evangelisch freikirchliche Gemeinde / Baptisten, ACK

Pastor Eric Hensel, Adventgemeinde, ACK

Urban Beck, Freie Christengemeinde Arche, ACK

Pastor Dr. Wolfgang Bay, Evangelisch-methodistische Kirche, ACK

 


Eröffnung am 30.6.20, Annahof

Zur Eröffnung des Friedensfestprogramms am 30.6.20 nehme ich Platz auf einem der in weitem Abstand vor der Sommerbühne im Annahof aufgestellten Stühle. Moment mal: Sitze ich hier zu „Ehren des Orixá Obulaie, des Gottes der Krankheit und der Heilung“? So steht es in der Überschrift des auf meinem Stuhl mit Texafilm fixierten Blattes. In diesem Selbstzeugnis des „Tempels Ile Obá Sileké (Haus des Königs der Wohlstand bringt), Berlin“ steht auch: „In der afrobrasilianischen Religion Candomblé gibt es – wie in den anderen monotheistischen Religionen – den Allmächtigen Schöpfer, hier mit Namen Olorum.“ Später ist von einem „Götter Pantheon“ die Rede, von den „Orixas … halb Mensch, halb Gott“. Zu den „anderen monotheistischen Religionen“ gehören wohl wir Christen verschiedener Konfession, Muslime, Juden und andere vom Augsburger Runden Tisch der Religionen, die wir zur Eröffnung des Friedensfestprogramms gekommen sind.

Hab ich Monotheismus bisher falsch verstanden? Es ist ja schon schwierig genug, Juden und Muslimen, (auch machen Christen) die Trinität als monotheistisches Konzept zu erklären. Ob das mit dem Pantheon des Candomblé gelingen wird?

Distanz ist geboten – Sommerbühne im Annahof

Der farbenfrohe Auftritt des „afro-brasilianischen Tanztheaters befremdet mich. Ist das nun Kunst oder Religion oder beides? Bin ich Zuschauer oder Teil des Rituals. Wenigstens werde ich nicht rituell mit Popcorn beworfen, wie ich schon befürchtet hatte. Was ist die Botschaft der „exotisch“ anmutenden Darbietung zur Eröffnung „unseres“ Augsburger Friedensfestprogramms? Warum geht Oberbürgermeisterin Eva Weber in ihrem Grußwort nur am Rande auf Anlass und Geschichte des Friedensfestes ein? Warum geschieht dieses Ritual ausgerechnet in der „guten Stube“ der Augsburger Evangelisch-Lutherischen-Kirche?

Ich sitze mit mehr als Corona-Distanz auf meinem Stuhl und memoriere das erste Gebot des Dekalogs vom Sinai: „Ich bin der EWIGE dein Gott, der dich aus der Sklaverei in Ägypten befreit hat. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ Exodus 20, 2+3.

1683 wanderten die ersten Deutschen nach Nordamerika aus. Eine Gruppe von Mennoniten und Quäkern, dreizehn Familien, kamen von Krefeld nach Pennsylvania und gründeten bei Philadelphie  Germantown. Sie wurden hierzulande diskriminiert und durften ihren Glauben nicht frei leben. Fünf Jahre nach ihrer Ankunft formulierten sie den ersten schriftlich erhaltenen Protest gegen die Sklaverei in Amerika. Es ist dies Teil meiner eigenen Geschichte als Glied einer ehemals verfolgten Kirche. 1528 wurden meine Brüder und Schwestern auch aus Augsburg vertrieben.

So sympathisiere ich mit den von Afrika nach Brasilien in die Sklaverei verschleppten Afrikanern und ihrer lange verfolgten und unterdrückten Religion. Das heißt aber nicht, dass ich deren Ritualen und theologischen Inhalten unkritisch gegenüberstehe. Ist es überhaupt angemessen, dieses Ritual unbeteiligten Zuschauern so darzubieten? Ist das authentisch, was uns hier vorgeführt wird? Ich hätte Probleme damit, das Teilen von Brot und Wein als Schauspiel auf einer Bühne und außerhalb eines Gottesdienstes vorzuführen.

Ich verstehe die Gesänge und Schreie nicht. Die ethnologische Einführung von Christiane Lembert-Dobler lässt mich höchstens erahnen, um was es geht. Wenn schon ein solches Ritual auf der Bühne im Annahof, sollte es dann nicht auch ein Gespräch geben mit dem Candomblé-Priester, wo ich ihn nach den Inhalten seiner Religion fragen und Zweifel anmelden kann?

Im Anschluss spreche ich mit einigen Christen und Muslimen, die meisten haben es als ethnologisch interessante Vorführung wahrgenommen, aber durchaus mit zwiespältigen Gefühlen.

Ich nehme an, dass viele Christen in den Freikirchen, die ich am Runden Tisch vertrete, die Angelegenheit noch etwas drastischer sehen würden, als ich das tue.

Sollten wir in Augsburg nicht ganz grundsätzlich nachdenken, was es bedeutet, Friedensfest zu feiern und wie wir das tun wollen?

Wolfgang Krauß, Delegierter der Freikirchen in der ACK am Runden Tisch der Religionen     9.7.20


Als in Augsburg schon mal Gottesdienste verboten waren

Auch in Augsburg sind derzeit sämtliche Gottesdienste verboten. Die Augsburger Mennonitengemeinde hat sich wie andere Gemeinden ins Internet geflüchtet. Dort traf man sich nun auch via Zoom an Karfreitag und zum Ostergottesdienst. Ostern 1528 hatte dasselbe Datum wie Ostern 2020. Damals kamen hundert Täufer und Täuferinnen ins Haus der Susanna Daucher im Lechviertel. In aller Frühe wollten sie miteinander die Auferstehung Christi feiern. Die heutige Mennonitengemeinde erinnerte in ihrem online Ostergottesdienst an dieses Ereignis vor 492 Jahren. Gerne hätte die Gemeinde sich am Daucherhaus Ecke Hinterer Lech / Schleifergässchen getroffen und auch ökumenisch dazu eingeladen. Angesichts der gegenwärtigen Corona-Krise war das Treffen jedoch nur per Internet möglich.

 Vor 492 Jahren waren jedoch nicht alle Gottesdienste verboten. Die Reformation war in ihrem frühen Stadium. Die Anhänger Luthers, Zwinglis und immer noch auch die „Papisten“, also die Katholiken, durften sich in ihren jeweiligen Kirchen versammeln. Die Stadt finanzierte sogar die reformatorisch gesinnten Prediger. Doch die Versammlungen der Täufer verboten. Das war nicht nur in Augsburg so, sondern landauf, landab fast überall. In Augsburg hatte es allerdings 1526-27 eine Phase relativer Toleranz gegeben. Die Gartengeschwister, wie sie wegen ihrer Versammlungen sommers in Gärten genannt wurden, konnten anderthalb Jahre halb geduldet als Untergrundgemeinde existieren.

Am 12. April 1528 jedoch wurde die Repressionsschraube angezogen. Die Osterversammlung wurde von der Stadtwache gesprengt. Achtundachtzig  verbliebenen Teilnehmer verhaftet, die Auswärtigen gleich ausgewiesen, die Einheimischen (auch unter Folter) vehört. Drei mit glühenden Eisen die Backe gebrandmarkt, einer Frau die Zunge rausgeschnitten. Gegen Hans Leupold, Vorsteher der Gemeinde wird nach knapp zwei Wochen Haft und Verhören ein Urteil gefällt: Aus Gnaden soll er mit dem Schwert vom Leben zum Tod gerichtet werden. Als es ihm vor dem Rathaus verlesen wird, ruft er mit lauter Stimme: „Nicht also Ihr Herren von Augsburg, sondern aus dem Tod zum Leben!“ Noch am selben Tag, dem 25.4.1528, wird er enthauptet.

Die Erinnerung an dieses Geschehen am Ostersonntag mit demselben Datum 1528 und 2020 hätte der Auftakt sein können zur Augsburger Eröffnung der geplanten Halbdekade „Gewagt! 2020-2025, Erinnerung an 500 Jahre Täuferbewegung“. In den nächsten fünf Jahren soll sie vorbereiten auf das Jahr 2025, 500 Jahre Täuferbewegung. Die Halbdekade wird getragen von der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland (AMG), dem baptistischen Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG) und der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK). Im Laufe des Jahres 2020 wird es hoffentlich Gelegenheit geben „Gewagt! 2020-2025“ zu eröffnen.

Gewagt! 2020-2025, 500 Jahre Täuferbewegung www.taeuferbewegung2025.de

Osteransprache12.4.2020


… da höre ich gerade, Hölderlin ist im türkisch-griechischen Grenzgebiet gesehen worden.          Hölderlin, Elegien dichtend, im Tränengas.

Marcel Beyer

Marcel Beyer lebt in Dresden. Im August erscheint sein neuer Gedichtband „Dämonenräumdienst“ im Suhrkamp Verlag.

Süddeutsche Zeitung 20.3.20, S. 12, Zu Hölderlins 250. Geburtstag


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