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… da höre ich gerade, Hölderlin ist im türkisch-griechischen Grenzgebiet gesehen worden.          Hölderlin, Elegien dichtend, im Tränengas.

Marcel Beyer

Marcel Beyer lebt in Dresden. Im August erscheint sein neuer Gedichtband „Dämonenräumdienst“ im Suhrkamp Verlag.

Süddeutsche Zeitung 20.3.20, S. 12, Zu Hölderlins 250. Geburtstag


… oder auch an anderen Tagen bin ich seit Februar 2019, also mehr als einem Jahr dabei, wenn junge Menschen und inzwischen Leute aus allen Generationen für die Einhaltung der Klimaziele demonstrieren. Ich gehe nicht mehr zur Schule, bin weitgehend freiberuflich tätig und meine Teilzeitstelle will ich nicht bestreiken. Ich bin also in meiner Freizeit fürs Klima unterwegs. Das ganze Jahr über hab ich allerdings gar nichts dazu auf wolfgangsnotizen.de gestellt. Warum? Weiß ich selber nicht. – Aber soviel weiß ich: So viele Menschen unterwegs, einmal sogar 7.000! dann mal nur 200. Gemeinsam engagiert und phantasievoll im Einsatz für eine lebenswerte Zukunft und gegen die weitere Zerstörung des Planeten. So viele – nicht nur in Augsburg, sondern weltweit – ich war selbst bei der europaweiten Demo in Augsburg – solidarisch untereinander und mit allen lebenden Wesen. So friedlich, so bunt, so lebendig, so laut, so ernsthaft und doch hoffnungsvoll.

Auch an meiner früheren Wohnung am Ulrichsplatz gings vorbei

Eine meiner Schwiegertöchter fragte mich kürzlich zum Geburtstag: Was hat dich im vergangenen Jahr am meisten lebendig gemacht? Ich musste nicht lange überlegen: Meine Teilnahme an den Aktionen und Demos von Fridays for Fure. Oft sind mir die Tränen gekommen, wenn ich mit FFF unterwegs war: Vor Trauer über das Ausmaß der Zertörung der guten Schöpfung noch immer jeden Tag, jede Stunde. Vor Rührung über die jungen Leute, Schulkinder und Jugendliche die sich aufmachen, Sanktionen nicht scheuen, zum Streik für die Zukunft. Vor Freude und Glück, ein Teil davon zu sein.

 

 

Hier und heute mal einige Fotos von der vorläufig letzten Augsburger Demo mit etwa 3.000 Leuten. FFF Augsburg hört vorläufig auf mit Großveranstaltungen. Zu viel Kraft hat dieses Jahr gekostet. Aber so viel wurde gelernt, Organisieren, Öffentlichkeit herstellen, Mobilisieren, Themensetzen, Veränderungen anstoßen … Es wird weitergehen.

 

 

Ausnahmsweise ein Rat an FFF

Ähnlichkeiten mit früheren Bewegungen nicht zufällig

 


Hans Hut, 1490 – Augsburg 6.12.1527

Heute vor 492 Jahren, am 6.12.1527 starb der Täuferprediger Hans Hut im Eisenhaus, dem damaligen Gefängnis hinter dem Augsburger Rathaus (heute Elias-Holl-Platz). Todesursache Rauchvergiftung nach einem rätselhaften Brand in seiner Zelle. Aus den städtischen Quellen erfahren wir, er habe den Brand selbst gelegt, um im Durcheinander der Löscharbeiten fliehen zu können. Ein täuferisches Geschichtsbuch berichtet, er sei bei strengem Verhör gefoltert worden und man habe ihn bewusstlos ins Stroh gelegt. Ins Stroh sei auch eine Kerze gestellt worden. – In einer makabren Gerichtsverhandlung wird über seine Leiche Gericht gehalten. Wegen Ketzerei und Aufruhr wird er zum Tod durch Verbrennen verurteilt. Am 7.12.1527 wird das Urteil auf dem Scheiterhaufen vollstreckt. Vor drei Jahren gab es eine kleine Gedenkveranstaltung auf dem Elias-Holl-Platz. Heuer nur diesen Blog-Artikel. Doch nächstes Jahr startet die Halbdekade „Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung 2020-2025“. In deren Rahmen soll auch Hans Hut Raum finden, einen Raum den er und andere dissidentische Christen damals in Augsburg nicht fanden.

Mehr über die „Andere Refomation in Augsburg“ unter http://www.wolfgangsnotizen.de/?p=1443  Hans Hut wird ein zwölfstrophiges Lied zugeschrieben. „O allmächt’ger Herr und Gott“ ist ein ein Lob des Schöpfers für seine Schöpfung. In Stophe 6 spricht Hut das Thema „Bewahrung der Schöpfung“ an. Ich (und wohl auch die akademische Theologie) habe das erst in den 1980ern als zentrales theologisches Thema wahrgenommen. Hut singt davon schon im 16. Jahrhundert! Klug doppeldeutig lässt er offen, wer sich darum zu kümmern hat: Gott oder der Mensch.

Dein Wille ist uns offenbar,

die Wahrheit leuchtet hell und klar

in allen Kreaturen.

Gott hat uns auserkoren,

dazu auch neu geboren.

Die Werke Gottes sind überall

Auf hohem Berg, im tiefen Tal

auch in den eb’nen Feldern

Die Vögel in den Wäldern

tun uns die Wahrheit melden.

 

Ein jedes Werk preist unsern Gott,

weil er’s so gut erschaffen hat.

Der Mensch tut’s aber zerbrechen,

der Wahrheit widersprechen.

Gott wird es an ihm rächen.

 

Die Werke Gottes sind wunderbar,

in rechter Ordnung immerdar.

Die soll der Mensch erfahren,

Gott will’s uns offenbaren,

er soll sie auch bewahren.


alle jahre

 

stille nacht

schreit es

alle jahre

wieder

auf allen plätzen

und plätzchen

 

und das wort ward fleisch

und wohnte unter uns

bratwurst

nürnberger

und thüringer art

 

und der wein

glüht in der finsternis

und hat sie nicht erhellt

 

die

heilige

stille

gute nacht

 

wk, 1.12.08 / 9.12.08 / 11.12.08 / 10.1.15

 


Pilgram Marpeck, Wasseringenieur und Täufertheologe, legte erste Hausanschlüsse

Am 7.7.19 stimmte das Weltkulturerbekomitee der UNESCO auf seiner turnusgemäßen Sitzung im aserbeidschanischen Baku für den Antrag der Stadt Augsburg auf Anerkennung ihrer historischen Wasserwirtschaft als Weltkulturerbe. Damit gehört Augsburg zu derzeit 1.112 Weltkulturerbestätten weltweit, davon 43 in Deutschland.

Schon die Römer bauten an ihrem günstig zwischen den Flüssen Lech und Wertach gelegenen Stützpunkt erste Wasserleitungen. In der frühen Neuzeit war die in Augsburg praktizierte Trennung von Abwasser, Brauch- und Trinkwasser vorbildlich. Die zahlreich im Handwerkervierel angelegten Kanäle stellten Wasserkraft für die dortigen Betriebe zur Verfügung und ermöglichten den Beginn der Industrialisierung noch vor Erfindung der Dampfmaschine. Aus heutiger Sicht besonders interessant: Wasserkraft ermöglichte in Augsburg eine ökologisch nachhaltige Energienutzung ohne CO² Ausstoß. Das könnte durchaus Anstöße enthalten für die heute notwendige Abkehr von der Ausbeutung fossiler Ernergieträger.

Rathausplatz Augsburg mit Augustusbrunnen, Teil des Wassersystems

Im Laufe der fast zehnjährigen Vorbereitung von den ersten Überlegungen über die Antragstellung bis zur jetzigen Entscheidung der UNESCO wurde in Augsburg zunehmend auch der wichtige Anteil eines frühneuzeitlichen Bergbau- und Wasseringenieurs deutlich, der in den städtischen Dokumenten zu Lebzeiten fast nur als Meister Pilgram auftaucht, wohl um seine genaue Identität zu verschleiern. Als religiöser Dissident zu vielen Ortswechseln gezwungen, fand er in Augsburg schließlich Ruhe für das letzte Jahrzehnt seines Lebens, 1544 bis 1556. Pilgram Marpeck, um 1495 in Rattenberg am Inn geboren, war ursprünglich Bergrichter, d.h. Bergbauingenieur, in Rattenberg am Inn. Dort kam er in Berührung mit der Reformation und schloss sich der Täuferbewegung an. So musste er 1528 seine Heimatstadt verlassen, als die Täufer dort verfolgt wurden. Weitere Stationen waren u.a. Straßburg, St. Gallen und schließlich Augsburg.

Marpecks Wohn- und Arbeitsort: Die Wassertürme am Roten Tor

Marpecks Anwesenheit in Augsburg war ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Die Stadt profitierte von seinen technischen Fähigkeiten als Fachmann für Wasserwirtschaft und duldete dafür stillschweigend nicht nur seine dissidentische Theologie und Praxis, sondern auch die von ihm geleitete täuferische Gemeinde. Anderthalb Jahrzehnte zuvor war eine ansehnliche Minderheit von etwa 1000 Täuferinnen und Täufern noch kriminalisiert und vertrieben worden, einer ihrer Prediger sogar hingerichtet.

Tagsüber arbeitete Marpeck als Wasseringenieur, nachts als Theologe, heißt es in einer in USA erschienenen Biografie. Marpeck verfasste theologische Schriften zu den Kernanliegen der Täuferbewegung: Taufe, Abendmahl, Gewaltfreiheit, das Verhältnis von Staat und Kirche, Gemeinde in der Nachfolge Jesu … Er stellte sich der Auseinandersetzung mit anderen reformatorischen Strömungenen, etwa mit den auch in Augsburg vertretenen Schwenckfeldern um den Spiritualisten Kaspar Schwenckfeld. Auch führte er einen ausgedehnten Briefwechsel und unternahm zahlreiche Reisen zu verschiedenen Gruppen der Täuferbewegung. Einig war man sich zwischen den auseinanderstrebenden Flügeln oft nur in der Ablehnung der Säuglingstaufe. Marpeck wollte in theologischen Grundfragen vermitteln oder wenigstens eine geschwisterliche Koexistenz bei fortbestehenden Meinungs-verschiedenheiten erreichen.

Augsburg feiert das Weltkulturerbe mit mobilem Wasserausschank

Als einer der überlieferten Wohnorte Pilgram Marpecks und seiner Frau Anna gelten die Wassertürme am Roten Tor, eine der zweiundzwanzig jetzt zum Welterbe erhobenen Stationen des Augsburger Wassersytems. Zu den Leistungen Marpecks gehören Erneuerung und Ausbau des dortigen Brunnenwerkes, sowie die Erweiterung des Leitungsnetzes als Infrastruktur für die weltweit ersten Hausanschlüsse. Auch war er für die Flößerei auf dem Lech zuständig. Holznachschub brauchte es auch für die hölzernen Wasserleitungen.

Bei der großen Ausstellung „Wasser – Kunst – Augsburg“ 2018 im Maximilianmuseum wurde Marpecks Rolle als Stadtwerkmeister angemessen gewürdigt und eine im Stadtarchiv aufgefundene Handschrift ausgestellt, die als sein Testament bezeichnet werden könnte. Einige Monate vor seinem Tod gibt er darin, leider ohne technische Details, eine Art Gebrauchsanweisung für das Wassersystem und ermahnt die Stadt, immer genug Spezialisten für dessen Betrieb auszubilden.

Trotz gegenseitiger Rücksicht blieben Konflikte mit der Stadt nicht aus: 1553 wird Marpeck wegen geheimer Lehrtätigkeit verwarnt, 1544 ganz zu Beginn seiner Zeit in Augsburg wird ihm gar Verbannung angedroht. Am 8.7.1546 zu Beginn des Schmakaldischen Krieges verweigern sechs seiner Gemeindeglieder den bewaffneten Wachdienst auf der Stadtbefestigung. Sie werden am 29.7.1546 ausgewiesen. Doch bis zu seinem Tod bleibt Marpeck in städtischem Dienst und Sold. Manche Forscher vermuten, Anna Marpeck habe als Hebamme gearbeitet. Pilgram Marpeck stirbt im Unterschied zu vielen anderen Täufern 1556 eines natürlichen Todes.

Für die Inititative „Die andere Reformation“, die das Ziel verfolgt, die Täuferbewegung im heutigen Stadtbild wieder sichtbar zu machen, erklärte Wolfgang Krauß, er freue sich über die neue Rolle Augsburgs als anerkannte Trägerin des Weltkulturerbes. Es gelte dabei, nicht nur auf die technischen Leistungen abzuheben, sondern auch die sozialhistorischen Bedingungen dafür herauszuarbeiten. Das lasse sich bei der Person Marpecks anschaulich aufzeigen, sei aber bisher kaum geschehen oder zumindest nicht öffentlich kommuniziert; als greife die althergebrachte „damnatio memoriae“, das bewusste Vergessenmachen unbequemer Minderheiten, noch immer. Die neue Offenheit könne genutzt werden, Marpeck und seine Rolle als Wasseringenieur und Theologe zu würdigen. Etwa durch eine Gedenktafel an den Wassertürmen am Roten Tor oder durch Benennung einer Pilgram-Marpeck-Straße. Zu Augsburgs Kulturerbe gehöre auch seine bisher kaum wahrgenommene Relevanz als Entstehungsort von Freikirche in der frühen Neuzeit.

 


Die andere Reformation

Veranstaltungen im Rahmen des Kulturprogramms

Seit 1650 feiert Augsburg am 8. August sein Hohes Friedensfest. Diesmal ist es ein Donnerstag. Beginn um 10 Uhr mit Ökumenischem Gottesdienst. Danach treffen sich über 1000 Menschen aus vielen Nationen zur Friedenstafel auf dem Rathausplatz. Das Thema 2019 heißt „Freiheit“. Wichtige Anstöße dazu kamen aus der freikirchlichen Bewegung. Ab 24.7.19 läuft das Rahmenprogramm, auch mit Beiträgen der „Anderen Reformation.

Wie wär’s mit einer Reise in die Friedensstadt?

Von Freiheit singen

Freiheitslieder und Texte vom 16. Jahrhundert bis heute

Volker Gallé, Worms, Gitarre und Gesang; Wolfgang Krauß, Moderation

Freitag 2.8.19, 19.30 Uhr, Café Neruda, Alte Gasse 7

 Veranstalter: Die andere Reformation; Eintritt frei

Vor Buchdruck und Internet verbreiteten soziale Bewegungen ihre Botschaft durch Lieder. Reim, Rhythmus und Melodie halfen Freiheitserklärungen erinnern. Gemeinsames Singen stärkte 1525 das bäuerliche Freiheitsstreben gegen die Mächtigen. Die Revolutionen von 1848 und 1918 hatten kämpferische Lieder. Protestsongs stärkten die 1968er. Wie die antikolonialen Freiheitsbewegungen des globalen Südens oder die Anti-Atombewegung nehmen heute die Lieder der Freitagsproteste singend ihre Ziele vorweg.

Spuren der Freiheit

Freiheitsbewegungen in Augsburg

Stadtführung mit Wolfgang Krauß, Veranstalter: Die andere Reformation

 Sa 3.8.19,  Di 6.8.19, 11 Uhr, Treffpunkt: Rathaus Haupteingang, 10 €

Augsburg, 6. August 1524. Mehr als 1000 unzufriedene Frauen und Männer drängen sich vor dem Rathaus. Sie verlangen die Rückkehr des Barfüßerpredigers Johann Schilling. Wegen „aufrührerischer Predigten“ hatte der Rat ihn der Stadt verwiesen. Dabei hatte er doch nur über das Lukasevangelium gepredigt: „Gott stößt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.“ Schilling wird zurückgeholt. Jakob Fugger flieht aus der Stadt. Verdächtige werden verhaftet, zwei „Rädelsführer“ hingerichtet. 1525 fordern die bäuerlichen Haufen Freiheit, 1526 finden sich Schillingleute unter den täuferischen Gartengeschwistern. – Die Stadtführung folgt den Spuren der Niedrigen und Hungrigen im „goldenen Augsburg“.

Wege zur Freiheit

Wie religiöse Dissidenten zur Entwicklung von Menschenrechten und freiheitlicher Demokratie beitrugen

Prof. Dr. Dr. Martin Rothkegel, Berlin

Vortrag und Gespräch, Eintritt frei

Di 6.8.19, 19.30, Ulrichsstadel, Ulrichsgasse 3, 86150 Augsburg

 Veranstalter: Die andere Reformation, Augsburg

 Mitveranstalter: Adventgemeinde, Evangelisch Freikirchliche Gemeinde (Baptisten), Evangelisch methodistische Kirche, Freie Christengemeinde Arche, Freie evangelische Gemeinde Augsburg-Mitte, Mennonitengemeinde, projekt X, Vineyard Gemeinde

Religionsfreiheit, Menschenrechte – dafür engagierten sich, anders als die Staatskirchen, die dissidentische Täuferbewegung oder der aus dem englischen Nonkonformismus entstandene Baptismus. 1636 gründete der baptistische Theologe Roger Williams die religiös neutrale Republik Providence, später Teil von Rhode Island. Als weltweit erstes Gemeinwesen nannte sie ihre Regierungsform „demokratisch“. Die erste deutsche Auswanderergruppe nach Nordamerika, dreizehn mennonitische und quäkerische Familien aus Krefeld, formulierte 1688 den frühesten Protest gegen die Sklaverei. Der Vortrag verfolgt weitere unbekannte Wurzeln heutiger Freiheitsrechte.

Martin Rothkegel lehrt Kirchengeschichte am Theologischen Seminar  der  Evangelisch Freikirchlichen Gemeinden (Baptisten) in Elstal bei Berlin.

Programmheft hier: www.friedensstadt-augsburg.de/sites/default/files/downloads/AHF19_programm_produktion_screen_0.pdf

Die andere Reformation, Wolfgang Krauß, Augsburg, wolf@loewe-und-lamm.de, www.wolfgangsnotizen.de

 


Am Freitag, 15.3.19, war ich zum zweiten Mal in Augsburg mit den Schülern und Schülerinnen fürs Klima demonstrieren. Das erste mal zwei Wochen früher noch inkognito unterwegs, autete ich mich nun als „Opa fürs Klima“ und klebte auch noch ein Foto von meinen beiden Enkeln auf Vorder- und Rückseite meines Schildes. Ich erntete viele anerkennende Blicke und viele nickten mir zu. Einer fragte mich: Was wollen Sie denn auf der Demo? Na ja, sagte ich, meine Enkel haben noch mehr Zukunft vor sich als ich oder auch die heute hier demonstrierenden Jugendlichen. Die beiden Enkel können noch nicht mal laufen, also laufe ich für sie hier mit.

Insgesamt waren wir über 1000 Leute. Zum Abschluss gab es einige Reden, die ganz ohne die üblichen Satzbausteine auskamen, allesamt kurz waren und aufs Wesentliche zielten. Wir wollen, dass sich was ändert in Sachen Klimaschutz und wir fangen selber damit an: Vermeiden von Autofahrten und Flugreisen, Vermeiden von Plastikmüll … Saras Rede kreiste um die Hoffnung, die ihr die Freitagsdemos machen und dass es die Hoffnung, sei die zum Haandeln dränge. – Das ist das Kennzeichen dieser Demos, eine Atmosphäre voll Freude und Hoffnung, das zeigt sich schon in den Sprechchören, laut und lustig, trotz oder gerade wegen des ernsten Themas und der ernsten Lage.  – Kommt mit Opas und Omas, lasst die Enkel und Urenkel nicht alleine.


Unbedingt sehenswert die Ausstellung, 8.3.19 – 28.7.19

El Anatsui. Triumphant Scale

Donnerstag hatte ich in München zu tun. Soll ich noch ins Haus der Kunst? fragte ich mich anschließend. Zeit genug wäre. Ich laufe hin, quer durch die Stadt, merke mal wieder wie weitläufig München ist. Liegt aber auch daran, dass ich zu Fuß unterwegs bin und nicht auf dem Rad, wie sonst in Augsburg. Ok, denke ich, du siehst dir wenigstens mal die Fassadeninstallation von El Anatsui an, dann entscheidest du. Über die Ausstellung von Anatsui hatte ich in der SZ gelesen, Kollagen aus Abfallgegenständen, auch die riesig lange Säulenfront mit Altmaterial verkleidet. Den Namen El Anatsui hatte ich nie zuvor gehört.

Als ich mich durch die Seitzstraße nähere, hab ich die Fassade vergessen und wundere mich über den Anblick. Wo sind die Säulen geblieben? Dann kapiere ich. Aha, die Installation. Ich überquere die vierspurige Prinzregentenstraße und bin nicht so beeindruckt, wie gedacht. Von weitem und aus der Nähe sehen die vielen aneinandergefügten Druckplatten doch nicht so spektakulär aus, wie ich erwartet hatte. Ich investiere aber dann doch 11 € und gehe in die Ausstellung. Meine Erwartung entsprechend heruntergestimmt.

Wegwerfzeug

Und dann bin ich … ganz baff! bewegt! beeindruckt! emotional tief berührt. Kollagen aus Wegwerfzeug hatte ich erwartet. Ja, da ist Wegwerfzeug, Müll. Doch daraus sind gewebeartige Kunstwerke entstanden. Gewebe aus Flaschenverschlüssen, Flaschenverschlussfolien, Konservendosendeckeln. Im größten Raum ein Labyrinth aus Mauern, nein, netzartigen Vorhängen, die sich mal zu Wänden verdichten, mal durchsichtig durchschaubar sind. Die meisten Stücke in wand- oder bodenfüllendem Format, ältere Arbeiten auch in Holz, nur wenige „Skulpturen“, meist auch flächige, aber wesentlich kleinere Gebilde.

Ich gehe durch alle Räume, höre die Texte auf dem Audioguide. Dann gehe ich schnell, hier und da verweilend noch mal und nochmal durch. Am Ende erschöpft und besoffen von den Eindrücken, fast als hätte ich einiges vom Inhalt der Flaschen, von deren Hals das Material meist stammt, genossen.

Die Werke El Anatsuis – ich kann sie nicht beschreiben – so etwas habe ich noch nicht gesehen. Auch die vielen im Internet zu findenden Fotos können sie nicht angemessen wiedergeben. Von weitem sehen sie aus wie gewebte Textilien, Teppiche oder Vorhänge, in eigenartig unregelmäßige Falten gebracht. Mal monochrom, mal leuchtend bunt. In der Nähe offenbart sich das Material als Flaschenverschlussfolien, Konservendosendeckel und ähnliches.  Zu großen Flächen mit Kupferdraht verbunden. Tausende und zehntausende einzelne Stücke zusammengefügt.

Mit Afrika verbündet

Das schafft der aus Ghana stammende Künstler, der jetzt in Nigeria lebt, nicht alleine. An einem Stück würde er sonst zwei, drei Jahre sitzen. Er hat einige Dutzend Mitarbeiter in seiner Werkstadt angestellt. In einer klassischen Bildhauerausbildung an der Khwame-Nkrumah-Uni in Ghana lernte Anatsui das Handwerk. Frühe Arbeiten in Holz zeigen, dass er die handwerklichen Lektionen gelernt hat. Schon immer schöpft er aus den Kulturen der Völker Ghanas und Nigerias. In seinen skulpturalen Webereien und Labyrinthen verbindet, ja verbündet er Afrika mit allen Teilen der Erde, mit dem Universum. Ich werde hineingenommen in diese Erfahrung.

Fasziniert kann ich mich kaum lösen aus der Ausstellung. Am Ausgang bedankt sich die Kartenkontrolleurin für den Besuch. Ich habe zu danken, sage ich, es ist unglaublich beeindruckend. Danke! – Das sagen alle, sagt sie, die  die  Ausstellung sehen. – Beim Zurückgeben des Audioguides bedanke ich mich nochmal an der Kasse. – Ja, das sagen alle! sagt die Frau an der Kasse. Sie verrät mir auch, dass ich mit Bus 100 zurück zum Hauptbahnhof komme.

Übrigens, der Audioguide

Übrigens, der Audioguide ist Senta Berger gesprochen. Er bietet in der deutschen Fassung einen Kommentar zum jeweiligen Kunstwerk oder Raum. Dann gibt es meist noch einen Kommentar für Kinder, einen in Leichter Sprache und schließlich eine Beschreibung des Kunstwerkes für Sehbehinderte.

Hier ist nachzulesen, was das Haus der Kunst zu seiner Ausstellung schreibt https://hausderkunst.de/ausstellungen/elanatsui


AUGSBURGER HOHES FRIEDENSFEST 2018

Wie jedes Jahr seit 1650 feiert Augsburg sein Hohes Friedensfest am 8. August. Diesmal ein Mittwoch. Um 10 Uhr Ökumenischer Gottesdienst in der Basilika St. Ulrich&Afra. Dann teilen auf dem Rathausplatz über 1000 Menschen aus vielen Na-tionen Essen und Trinken. Eine große Friedenstafel als Vorweg-nahme des großen Festmahls am Ziel der Zeit. – Im dreiwöchigen  Rahmenprogramm findet sich auch wieder der legendäre Augsburger Predigtslam, diesmal zu biblisch utopischen Texten. Außerdem ein Vortrag zu Thomas Morus’ Schrift Utopia von 1516, sowie Stadtführungen zur Augsburger Täuferbewegung – jene „andere Reformation“ mit dem damals höchsten Utopiepotential, der aber gerade deswegen kein Ort gegönnt wurde. Weder ein legaler Versammlungsort, noch Bleiberecht in der damaligen „freien“ Reichsstadt.

Herzliche Einladung zu einem Stadturlaub oder Ausflug in die Friedensstadt Augsburg.  Wolfgang Krauß

Das Programmheft findet sich hier: www.friedensstadt-augsburg.de/de/downloadbereich#

Siehe, die Stadt Gottes unter den Menschen

7. Augsburger Predigtslam

 Mi 25.7.18, 19 Uhr, Kulturhaus Kresslesmühle, Eintritt: Spende, Programmheft S. 56

Moderation: Wolfgang Krauß & Sybille Schiller, Veranstalter: Biblia Viva Augustana

Ein paradiesischer Garten. Eine Stadt des Friedens und der Gerechtigkeit. Die Völker pilgern nach Jerusalem, schmieden ihre Schwerter zu Pflugscharen. Das nahe Reich Gottes. Die Auferweckung Jesu. Utopische Bilder in den biblischen Büchern? – Genug Material für einen Predigtslam. Jede Predigt sieben Minuten.  Es predigen Frauen, Männer, Junge, Alte, mehr oder weniger Bibelfeste … nur theologische Profis ausnahmsweise nicht. Es predigen André Bücker (Intendant Theater Augsburg), Pia Lingner-Böld (Rechtsanwältin), Richard Mayr (Redakteur Augsburger Allgemeine), Iris Steiner (Kulturbüro Steiner), Siegfried Zagler (Herausgeber Die Augsburger Zeitung – DAZ) u.a.

Utopia oder ein vernünftiger Staat muss kommunistisch sein

Vortrag & Gespräch Referent: Prof. Dr. Thomas Nauerth, Bielefeld, Veranstalter: Die andere Reformation

Mi 1.8.2018, 19 Uhr, Hofgarten (bei schlechtem Wetter im Café Neruda), Eintritt: Spende, Programmheft S. 104

„Doch gestehe ich ohne weiteres, dass ich sehr vieles von der Verfassung der Utopier in unseren Staaten eingeführt sehen möchte.“ Thomas Morus Im ersten europäischen Aufklärungsdiskurs zu Beginn des 16. Jahrhunderts wurde neu über Staat und Gesellschaft nachgedacht. Muss alles so bleiben oder könnte man Staat auch ganz anders, gerechter, egalitärer gestalten? 1516 entwarf der englische Jurist Thomas Morus in seinem Roman Utopia einen solchen ganz anderen Staat, der noch keinen Ort (ou topos) in der Menschenwelt hat. – Ob auch wir heute von der Verfassung dieser „Utopier“ für unsere Gesellschaft lernen können, darüber wird zu reden sein.

Utopos – es gab keinen Ort für sie

Stadtführung auf den Spuren der Gartenschwestern und -brüder

Wolfgang Krauß, Veranstalter: Die andere Reformation

Sa 28.7.18, 10 Uhr & Di 7.8.18, 11 Uhr, Dauer: 2-3 Stunden

Treffpunkt: Rathaus Haupteingang, Teilnahme: 10 €, Programmheft S. 89

Gartengeschwister hießen sie in Augsburg, denn sie versammelten sich in Gärten. Anders als Lutheranern und Zwinglianern gab der Stadtrat den Täufern keine Kirchengebäude. 1528 wurden sie sogar aus der Stadt gejagt. Utopos – kein Ort für sie. Die Bergpredigt Jesu lehrte sie Gewaltfreiheit und Feindesliebe. Gegen das Augsbur-ger Bekenntnis sahen sie es nicht erlaubt, Krieg zu führen. – Mit dem Ingenieur Pilgram Marpeck kamen sie 1544 erneut in die Stadt, wegen Marpecks Bedeutung für die Wasserwirtschaft nun halbwegs geduldet. Die Führung folgt ihren „utopischen“ Spuren.

Veranstaltungen im Rahmenprogramm zum Augsburger Hohen Friedensfest 2018 www.friedensstadt-augsburg.de

Die andere Reformation, Wolfgang Krauß,  0152-21627812,   wolf@loewe-und-lamm.de


Täufer beim Katholikentag in Münster,10.-13.5.2018

Von Wolfgang Krauß

Da nun Christus König ist, sowohl über das ganze Erdreich als auch über seine gläubige Gemeinde, […] wie nennt Jan van Leyden sich denn einen fröhlichen König über alles, der der Elenden Freude geworden sei?  Menno Simons, Gegen Jan van Leiden, 1535

Heilung der Erinnerung angesichts eines historischen Traumas

Nicht nur ich werde wohl immer noch mit drei streotypen Rückfragen konfrontiert. Ach, seid ihr die mit Pferd und Wagen? Die mit den vielen Frauen? Die Terrorsekte von Münster? Gegen populäre Romane und TV-Verfilmungen, gegen den Gruseleffekt der Käfige am Lambertikirchturm in Münster haben es die zahlreich vorhandenen seriösen Forschungen schwer. – Umso mehr elektrisierte mich die Einladung zur ökumenischen Vorbereitungsgruppe zum 101. Katholikentag 2018 in Münster. Ein Katholikentag! In Münster! Zum Thema „Suche Frieden!“ Schon in der Vorstellungsrunde des ersten Treffens meinte ein lutherischer Teilnehmer, die Täufer müssten ins Programm und „Die Käfige müssen weg!“

Erstmals seit 1535

Auf Initiative der Programmleitung kam der Vorschlag, statt eines zunächst geplanten kur-zen Gebets am Ende eines Podiums ein Mit-tagsgebet in St. Lamberti zu gestalten. Erstmals seit 1535 die Käfige mit den hingerichteten Täuferführern an den Kirchturm gehängt wurden waren, sollten Katholiken, Lutheraner und Täufer miteinander beten. – Vieles fügte sich zusammen. Doch da es zeitgleich eine Europäische Mennonitische Konferenz in Montbeliard gab, waren nur wenige wenige Mennoniten in Münster. Der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden (AMG) war informiert, aber in Frankreich. Aus den Niederlanden war Ybele Hamstra vom Vorstand der Algemene Doopsgezinde  Sociëteit angereist. Einige Mennoniten kamen aus Gronau, den ostfriesischen Gemeinden und anderswo.

Gespräch unter den Täuferkäfigen

Freitag, 11.5.18, in der Mitte des Katholikentags, war der Täufertag. Das Podium am Vormittag sah alle 140 Plätze eines Saals in der Bezirksregierung besetzt. Hier am Domplatz, nahe der Stelle, wo König Jan van Leiden damals Hof gehalten hatte, traf man sich jetzt zum „Gespräch unter den Täuferkäfigen“ Ralf Klötzers präzises Einführungsreferat skizzierte Kontext und Stationen der Täuferherrschaft. Wolfgang Krauß moderierte das anschließende Gespräch. Die mennonitische Theologin und Sozialpsychologin Andrea Lange brachte ihre Erfahrung als Teilnehmerin am lutherisch-mennonitischen Dialog in Deutschland und am Dialog zwischen Vatikan und Mennonitischer Weltkonferenz ein. Der katholische Historiker Hubertus Lutterbach, der in Band 3 der fünfbändigen Geschichte der 1200 Jahre des Bistums Münster die 16 Monate(!) der Täuferherrschaft darstellt, betonte die Fremdheit jener Zeit. Man müsse sie erst heranzoomen. Der lutherische Kirchenhistoriker Christian Peters vom Institut für Westfälische Kirchengeschichte stellte die Vielgestaltigkeit der Reformation heraus. Zahlreiche Rückfragen und Gesprächsbeiträge aus dem Publikum schlossen das Podium ab. Lloyd Hoover aus USA meinte, in Münster sei etwas gründlich schiefgegangen, eine falsche Betonung des Geistes habe zu einer bis heute (nicht nur) unter Mennoniten anhaltenden Furcht vor dem Wirken des Geistes geführt. Er hoffe, ausgehend von den heutigen Impulsen, komme es zu einer neuen Geisterfahrung in allen Denominationen. – Einig war man sich in dem Fazit, die Geschichte müsse anders erzählt werden.

Lambertikirchturm mit Täuferkäfigen und Katholikentagsbanner

 

 

Gott und einander um Vergebung bitten

Der größte Teil des Publikums kam mit in die nahe Lambertikirche. Schnell waren alle etwa 500 Plätze besetzt. Eingerahmt vom römisch-katholischen Stadtdechanten Jörg Hagemann und dem evangelischen Superintendenten Ulf Schlien standen drei Mennoniten vor dem Altar: Jacob Schiere, Architekt und Hilfswerksarbeiter aus den Niederlanden, Keith Blank, Distriktsbischof der Lancaster Mennonite Conference, aus USA und Andrea Lange, mennonitische Sozialpsychologin und Theologin aus Mainz.

Zu Beginn verdeutlichte Andrea Lange die Absicht des Gebets: „Gott und einander um Vergebung bitten für die wechselseitige Gewalt und Verfolgung zwischen römisch-katholischen, evangelischen und täuferischen Christen in Münster …, historische Schuld bekennen, um Heilung der Erinnerungen beten, Gottes Versöhnung erbitten und einander zu weiteren Schritten der Versöhnung ermutigen.“ Dazu passte der Liedruf „Kehret um und ihr werdet leben“.

Es folgten Grundinformationen zur Täuferbewegung im Kontext der Reformation und die besondere Entwicklung in Münster. Erwähnt wurde auch Menno Simons’ Verarbeitung Münsters in Richtung eines gewaltfreien Christuszeugnisses. Die weitere Liturgie zitierte die ökumenischen Dialoge unserer Zeit.

Jörg Hagemann, Keith Blank, Andrea Lange, Jacob Schiere, Ulf Schlien mit Musikern

 

Klage, Schuldbekenntnis, Versöhnung

Ein Klageteil benannte die „Opfer der Gewalt  während der Belagerung Münsters … durch die Truppen des katholischen Fürstbischofs und … des protestantischen Landgrafen von Hessen“. Beklagt wurde auch die Gleichsetzung aller Täufer mit dem Täuferreich in Münster und ihre Verfolgung als Aufrührer. Die Käfige wurden beklagt als Zeichen feudaler Herrschaft. Beklagt wurde die Verweigerung eines christlichen Begräbnis-ses für Jan van Leiden, Bernd Knipperdollinck und Bernd Krechtinck.

Den Klagen gegenübergestellt wurde die Bitte an Christus, uns heute zu helfen „den Opfern von Krieg und Terror … beizustehen und auf friedliche Konfliktlösungen hinzuwirken,… die anderen Konfessionen ohne Vorurteile wahrzunehmen, … Gewalt nicht mit Gewalt zu beantworten.“ Die Klage endete mit der Feststellung, der Anblick der Käfige verstöre auch heute. Sie Käfige sollten nicht mehr als Zeichen der Unversöhnlichkeit verstanden werden, sondern als Mahnung für den Frieden. Nie wieder sollten Christinnen und Christen Gewalt gegeneinander anwenden.

Nach Lesung von 2 Kor 5,17-20 folgten Schuldbekenntnis und Versöhnungsbitten. Ulf Schlien wiederholte die Bitte des Lutherischen Weltbundes von 2010 um Vergebung für die lutherische Verfolgung der Täufer. Jörg Hagemann bekundete mit Johannes Paul II. Bußbereitschaft, die Bitte um Vergebung und die Hoffnung auf eine neue Beziehung zu den Mennoniten. Jacob Schiere sprach davon, wie der Geist der Buße in den ökumenischen Dialogen uns Mennoniten bewegt habe. Auf Münster bezogen sagte er: „Hier und heute in Münster bedauern wir als Mennoniten die Worte und Taten der damaligen Täufer, die zum Zerbrechen des Leibes Christi beigetragen haben. Wir bedauern das vielfältige Leid, das den katholischen und lutherischen Schwestern und Brüdern durch die Täufer zugefügt wurde. Die Gewalttaten der Täuferführer in Münster erscheinen uns heute als extreme Folgen einer Fehldeutung des Evangeliums.“ Auf die Schuldbekenntnise antwortete die Versammlung: „Herr, Jesus Christus, wir bitten dich, unseren Gemeinschaften Heilung der Erinnerungen, Umkehr und Versöhnung zu schenken.“

 Jörg Hagemann meinte, nicht alle Fragen seien geklärt, Dissens gebe es noch zu den Themen „Taufe“ oder „Gewaltausübung“. Doch gemeinsam sei man „berufen, Friedensstifterinnen und Friedensstifter zu sein“. Damit zitierte er den Titel des Dokuments zum katholisch-mennonitischen Dialog.

Miteinander forderten alle fünf die Versammlung auf mit aller Kraft für den Frieden Christi einzutreten. „Fangen wir hier in der Kirche St. Lamberti damit an. Geben wir einander ein Zeichen des Friedens und der Versöhnung!“ Das gemeinsame Vater Unser und das Segenslied „Komm, Herr, segne uns, dass wir uns nicht trennen“ beendeten das Mittagsgebet.

Ökumenische Engel im Hintergrund?

Die Liturgie war in den Monaten zuvor im Zusammenwirken von Michael Kappes, Ökumenebeauftragter der Diözese Münster, Lioba Speer aus der Programmleitung des Katholikentages und Wolfgang Krauß erarbeitet worden. Es gab Zweifel, dass sie in den vorgesehenen dreißig Minuten zu schaffen sei. Passte sie auf die Sekunde, weil im Hintergrund ökumenische Engel die Zeit angehalten hatten?

Zukunft der Taufe … und der Kirche?

Das Nachmittagspodium „Zukunft der Taufe – Zukunft der Kirche?“ in einem Hörsaal der Uni war mit etwa 150 Interessierten wiederum voll besetzt. Moderiert wurde es von der katholischen Religionspädagogin Gabriele Lachner zusammen mit Wolfgang Krauß. Biographische Zeug-nisse entfalteten zu Beginn Erleben und Verständnis der eigenen Taufe: Markus Kohring (ev.-luth.), Sabine Tolzin (baptistisch), Aria Patto (chaldäisch-katholisch), Marianne Cornelsen-Ulrich und Helmut Hamm (mennonitisch).

Einleitende theologische Impulse gaben Andrea Lange und Weihbischof Reinhard Hauke aus Erfurt. Es kam jedoch weniger zu einem Dialog über täuferische und katholische Lehre und Praxis der Taufe. Vielmehr schilderte Hauke die Praxis der Verkündigung des Evangeliums in der post-christlichen Ex-DDR-Gesellschaft, in der die meisten nicht getauft sind. In einem mehrstufigen Prozess werden Menschen eingeladen zum Glauben, verschiedene Entscheidungsschritte werden gefeiert und schließlich Taufe und Kircheneintritt als Gemeindefest begangen. Wiederholt sei zu hören gewesen: „Schade, dass ich schon als Kind getauft wurde.“

Aus dem Publikum meldeten sich vor allem katholische Pfarrer und Gemeindereferentinnen mit Problemanzeigen einer bröckelnden Volkskirche auch in katholischen Milieus im Westen zu Wort. Lässt sich angesichts schwindender katholischer Religiosität in vielen Familien deren Wunsch nach der Taufe ihrer Kinder noch rechtfertigen? Wie lassen sich säuglingsgetaufte Katholiken zu einer Entscheidung für das Evangelium und die Nachfolge Jesu motivieren? Wie kann Taufe aus dem Rand des Gemeindelebens in dessen Mitte gelangen?

Anabaptist Connections

Zur Genese von „Gepräch und Gebet unter den Käfigen“ gehört die Beziehung zur Gruppe „Anabaptist Connections“ in USA. Einige charismatisch gestimmte Mennoniten und Amische arbeiten darin seit mehr als einem Jahrzehnt zum Thema Versöhnung und Heilung der Erinnerungen. Sie identifizieren sich mit historischen Traumata und ihren kollektiven geistlichen Folgen bis heute. Infolge des Traumas von Münster sei es zu einer täuferischen Abneigung gegen Prophetie, Eschatologie und Pneumatologie gekommen, zu einem allgemeinen Misstrauen gegen Wirkungen des Geistes. Dies behindere bis heute die Entfaltung der eigenen Identität – aus einer mis-sionarisch herausfordernden Gruppe seien harmlose religiöse Dissidenten geworden.

Porträt Jan van Leidens am Rathaus und Katholikentagsbanner „Suche Frieden“

 

Täufer treffen Nachfahren des Fürstbischofs

Am Vorabend des Täufertages hatte es auf Initiative einer Nachfahrin des Fürstbischofs Franz von Waldeck einen Empfang im Drostenhof Wolbeck gegeben. In Wolbeck hatte der Fürstbischof sein Quartier, ebenso sein militärischer Befelshaber Dirk von Merveldt. Dieser spielte eine wichtige Rolle bei der Rückeroberung Münsters, er soll Jan van Leiden festgenommen haben. Der Bischof überließ ihm einen Großteil der Täuferbeute. Daraus konnte er den Drostenhof bauen. Immer noch im Besitz der Familie Merveldt war das Schlösschen nun Schauplatz einer Begegnung zwischen Täufern und ehemaligen Täufergegnern. Im Laufe des Abends kam es auf Inititative von Ben Girod, Llloyd Hoover und Charlie Ness zu gegenseitigen Schuld-bekenntnissen und Vergebungsbitten. Wolfgang Krauß betonte die Notwendigkeit multiperspektivischen Vorgehens, Erkenntnisse  historischer Forschung, Fragen theologischer Hermeneutik und praktische Überlegungen, was diene der Nachfolge Jesu, müssten Hand in Hand gehen.

Im Mosaik der Versöhnung

Bei mehr als 1000 Veranstaltungen waren unsere Podien und das Mittagsgebet nur ein kleiner Baustein im Mosaik des Katholikentages. Für das bald 500jährige mit der Täuferrherrschaft verbundene Trauma und seine Folgen, mögen sie ein wichtiger Schritt zur Heilung der Erinnerungen gewesen sein. Weitere Schritte der Versöhnung mögen folgen.

 

Wolfgang Krauß, 1954, will mit dem Projekt “Wieder Täufer in Augsburg und anderswo“ die in Augsburg weitgehend vergessene Täuferbewegung im heutigen Stadtbild wieder sichtbar machen. Die Münsteraner Täufer sind durch die Käfige an St. Lamberti zwar mehr als sichtbar, doch es gilt ihre Geschichte neu und ohne Vorurteile im Horizont der Heilung der Erinnerungen zu erzählen.

Erscheint leicht verändert auch in DIE BRÜCKE, Täuferisch-Mennonitische Gemeindezeitschrift, 4/2018, S. 26-29

Im Internet abrufbar sind Videoaufnahmen:

Podium: Gespräch unter den Täuferkäfigen, 11.5.18

Mittagsgebet, Lambertikirche: Umkehr und Versöhnung unter den Täuferkäfigen

 

 


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